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Sprich mit ihr

Das Klischee:
Kompetenz ist männlich. Experten sind männlich. Frauen sind eher für das Gefühl, für ein gutes Miteinander zuständig.

Der Beginn:
Die meisten Frauen werden dazu erzogen, sich zurückzunehmen, nicht bossy aufzutreten. Sie sollen sanft und schön und freundlich sein.

Die Folge:
Viele Frauen, vielleicht sogar die meisten, lernen nicht, dass Selbstdarstellung Spaß machen kann. Genau wie Mitgestaltung, Wettbewerb, lautes Denken. So entstehen keine weiblichen Wolfgang Kubickis, die in jeder zweiten Talkshow sitzen. (Was sicherlich auch sein Gutes hat.) Stattdessen: sitzt da meistens nur eine. Auf Panels, Konferenzen, Tagungen sieht es ähnlich aus. Und so lange das so bleibt, gelten Frauen, die dann doch gern reden und ihre Positionen vertreten, schnell als überehrgeizig und anstrengend. Frauen mit Expertise werden erst dann normal, wenn sie entsprechend oft zu sehen sind.

“Wir haben halt keine passende Frau gefunden.”
Logo Speakerinnen-ListeJa klar. Ehrlicher wäre: Frauen? Wir kennen keine Frauen zu dem Thema. Weil wir, wenn wir nach Kompetenz und Experten suchen, bei den Männern suchen. Und da sind wir wieder beim Klischee. An dem sich nur etwas ändert, wenn Veranstalterinnen, Veranstalter, Redakteurinnen, Redakteure anfangen, ihre Kontakdatenbanken mit Frauennamen aufzufrischen. Und um ihnen, die das in den letzten xzig Jahren nicht hinbekommen haben, dies zu erleichtern, gibt es seit dem 8. März eine feine Datenbank, die Speakerinnen-Liste. Noch nicht einmal eine Woche alt, haben sich bereits über 200 Frauen dort eingetragen. Und schon bei einem kurzen Blick auf die Profile zeigt sich: Diese Frauen haben Ahnung von allem und noch viel mehr, und sie haben Lust, öffentlich darüber zu sprechen. Das muss doch für Organisatorinnen und Organisatoren von Sprechveranstaltungen ein Geschenk sein wie jeden Tag Sahnetorte kostenlos. Oder so.

Keine Ausreden mehr für Panels ohne Frauen.

In der letzten Sendung des Lila Podcasts sprachen Katrin und ich über unsere feministischen Vorsätze für das Jahr 2014. Mein Vorsatz: feministische Themen anderen Menschen als nur den eh schon überzeugten nahebringen. Denn so schön es ist, nach einem Vortrag viel Zustimmung zu bekommen und Feministinnen und Feministen in ihrem Tun zu bestärken – so deprimierend kann das Gefühl sein, denen sowieso nichts Neues zu erzählen und damit rein GAR NIX an den Blödheiten unserer Welt zu verändern.

Cosmopolitan-Geschichte zum Phänomen der dünnen ManagerinnenHilft nur, so also meine Überlegung: noch viel öfter zu denjenigen sprechen und für diejenigen schreiben, denen Emanzipationsthemen bisher noch nicht viel sagten. Deshalb ist gerade ein Text von mir in der Februar-Cosmopolitan erschienen, Thema: Warum Top-Managerinnen überdurchschnittlich dünn sind.

Statistisch zeigen zwei Studien, dass es tatächlich so ist: Je erfolgreicher Frauen sind, desto dünner sind sie auch. Oder je dünner Frauen sind, desto erfolgreicher sind sie. Man kann die Geschichte von beiden Enden her erzählen. Meine These zu den Ergebnissen der Studie: Es gibt

Stereotype über Frauen und Männer, die wir alle verinnerlicht haben, sei es bewusst oder – und das ist wahrscheinlicher – unbewusst. Diese Stereotype sehen wir täglich in Millionen Bildern, im Fernsehen, Internet, auf Werbeplakaten – wo auch immer erfolgreiche Frauen und Männer dargestellt werden. Er hat Geld und Macht, sie die Haare schön gemacht. Diese Bilder werden unweigerlich im menschlichen Gehirn abgespeichert, in meinem und Ihrem und in denen der Personalverantwortlichen. Und dann sitzen im Vorstellungsgespräch eine üppige und eine drahtige Frau, mit gleicher Qualifikation – klar, wer eingestellt wird. Menschen, die am ehesten den Vorstellungen anderer vom idealen Körperbild entsprechen, werden schneller befördert und verdienen mehr Geld, weil sie mehr Einfluss auf eben jene Menschen haben, deren Ideal sie verkörpern. Ihnen wird unterstellt, sie seien deshalb durchsetzungsstärker.

Laurie Penny macht es kurz: “Wir leben in einer Welt, in der Frauen gesellschaftlich, wirtschaftlich und kulturell bestraft werden, wenn sie sich nicht anstrengen, dünn und hübsch zu sein.”

Den ganzen, für eine Frauenzeitschrift sehr langen Text, kann man gedruckt lesen. (Aktualisierung: Mit freundlicher Genehmigung der Cosmopolitan darf ich ein PDF der Seiten online stellen. Bitte klicken.) Und ich warte mal ab, ob mein guter Vorsatz für 2014 an diesem Punkt irgendwie in Erfüllung geht.

lilapodcast_buttonEigentlich unfassbar, dass gestern schon die 5. Folge des Lila Podcasts online gegangen ist und ich das ganze, schöne Projekt hier immer noch nicht erwähnt habe. Also: Katrin Rönicke und ich sprechen seit Juni einmal im Monat über ein Thema, das uns aktuell beschäftigt. Das kann mal die Feminismus-Debatte um Femen, #aufschrei, Barbie Dollhaus und Gender Studies sein (→ Folge 001) oder die Frage, wie ein gutes Arbeitsleben aussehen könnte und warum die Arbeitswelt alles andere als frauen-, männer-, familienfreundlich ist (→ Folge 002).

Außerdem haben wir uns über Männer unterhalten, und darüber, warum Emanzipation nicht nur ein Frauenthema ist (→ Folge 003) und über witzige Frauen – ja, die gibt es wirklich, auch wenn Mario Barth was anderes behauptet (→ Folge 004). Wir sprechen jeweils eine knappe Stunde, drehen und wenden das Thema und klopfen es auf feministische Fragen ab. In den Kommentaren kann dann weiterdiskutiert werden. Und dazu gibt es immer eine schöne dicke Linkliste für alle, die sich noch ein bisschen ins Thema eingraben wollen.

Im neuesten Lila Podcast haben wir nun über SEXY gesprochen und wann Sexyness eigentlich von einer befreienden Möglichkeit für Frauen zum Imperativ geworden ist. Ist sexy nun gut (Selbstliebe) oder böse (Selbstausbeutung), hat es ein befreiendes Moment (sagt Miley Cyrus) oder ist es Prostitution (sagt Shinead O’Connor)? Sexy ist langweilig und gefährlich, da waren Katrin und ich uns in der Sendung einig, denn mittlerweile wird alles und jedes, und sei es nur das neueste Handymodell, als sexy oder eben nicht betitelt, und gerade durch die Allgegenwärtigkeit und den Zwang, dass etwas sexy sein muss, hat der Begriff auch unfassbar viel Macht.

Viel Spaß beim Hören!

 

P.S.: Den Lila Podcast kann man auch über iTunes abonnieren.

Die starke Frau

Sonntagabend. ARD. Die Frage des Abends lautet “Hat Deutschland ein Sexismusproblem?” Die der Moderator allerdings im Laufe der Sendung immer wieder gekonnt umschifft. Stattdessen kann man an diesem Abend überraschend viel darüber lernen, was verschiedene Generationen für Emanzipation halten. Denn dort sitzt zu Günther Jauchs Linken Wibke Bruhns, Journalistin Jahrgang 1938, und vertritt vehement die Meinung, als Frau solle man sich nicht so anstellen, nicht freiwillig zum Opfer machen, stattdessen lieber wehren und akzeptieren, dass Männer nun mal so sind. Sie zeichnete als Ideal das, was man früher eine “starke Frau” genannt hätte.
Allein ihre Aussagen und ihr stets süffisantes Lächeln, mit dem sie auf die Zustandsbeschreibungen des deutschen Sexismus reagierte, waren eigentlich Beweis genug, dass wir da tatsächlich noch ein Problem haben. Wir, das heißt in diesem Fall: die deutsche Gesellschaft. Jedenfalls so lange selbst Frauen der Überzeugung sind, es sei schon okay, im Job vom Vorgesetzten / Kollegen / Gegenüber angegraben zu werden oder einfach auf anzügliche Weise angequatscht. Dass Frauen das eben aushalten müssten, wenn sie sich in die Männerwelt begeben.Bruhns hat mit ihren Statements genau dieses Denken gezeigt: dass sie die Arbeitswelt für die Domäne der Männer hält, in der es eben auch unangenehme Spielregeln gibt, die Frauen nun mal mitspielen müssen – und sich nicht nach übergriffigen Situationen ins Abseits, sprich: in die Opferecke, stellen sollten.
Das mag in Bruhns frühen Berufsjahren der einzig gangbare Weg gewesen sein, doch zwischen damals und heute gab es die Frauenbewegung, die massenhafte Emanzipation der Frauen und ihr genauso massenhafter Eintritt in die Berufswelt. Was alles geändert hat oder alles hätte ändern müssen. Auch die Spielregeln.

Das versuchten die Diskussionsteilnehmerinnen auf Jauchs linker Seite auch klarzumachen: Alice Schwarzer beschrieb genau diese weibliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte. Silvana Koch-Mehrin deutete an, dass sie durchaus ekliges Verhalten von Männern in der Politik erlebt hat und weiß, es an sich abprallen zu lassen, es aber für eine absolute Notwendigkeit hält, dass sich Männer und Frauen im Berufsleben auf Augenhöhe begegnen. Anne Wizorek wiederum machte klar, dass es zum Selbstverständnis junger Frauen gehört und gehören muss, sich nicht schmierig anmachen lassen zu müssen, dass sie von ihrem Gegenüber erwarten dürfen, die Grenze zwischen Geplauder, Flirt und Übergriffigkeit zu kennen.

Hellmuth Karasek, der ebenfalls in der Runde saß, illustrierte Wibke Bruhns Mann-Frau-Verständnis so hübsch wie aggressionsauslösend: Man dürfe doch Sex nicht verbieten, Dirndl seien doch erfunden worden, um Frauen auf den Busen zu schauen, und überhaupt: Wo kämen wir denn hin, wenn die Frauen einfach bestimmen dürften, was sie als sexistisch empfinden? Karasek bewies: Man kann es auch einfach nicht verstehen wollen. Oder schlicht überfordert sein von den Zeiten, in denen sich Frauen tatsächlich als gleichberechtigt verstehen. Karasek gab an diesem Abend die traurigste Figur ab. Man hätte ihn gern an der Hand aus der Runde geführt und in einen gemütlichen Sessel gesetzt, einen Schmöker in die Hand gedrückt.

Noch trauriger war an diesem Sonntag nur noch das vermittelte Männerbild. Wibke Bruhns fand, Männer sind nun mal so und es komme nur auf die Menge Alkohol an, die einer getrunken habe, bevor er anzüglich werde. Und Jauch schritt nicht etwa ein, vielmehr schien er vom Thema / vom Problem kaum weniger überfordert als Karasek, wenn er als Moderator (!) Anne Witzork antippt unf fragt, ob er ihr denn zum Beispiel ein Kompliment für ihr Kleid machen dürfe oder ob das schon sexistisch sei.
Als Showeinlage wäre das eine hübsche Demonstration dessen gewesen, wie ahnungslos (oder darf ich sagen: dumm?) man sich stellen kann, wenn man vom existierenden Sexismus nichts wissen will. Leider war die Frage ernst gemeint.

Die Erkenntnisse des Abends waren vordergründig extrem gering – man konnte vor allem einen zu niedrigen Blutdruck etwas in Schwung bringen. Und doch stand das Gesagte und Gesehene für so vieles, dass jetzt nach und nach und unabhängig vom Fall Brüderle besprochen werden muss. Schön wäre gewesen, hätte Deutschlands wichtigste Talkshow wenigstens den Versuch gemacht, die Dunkelstellen auszuleuchten und die Debatte wirklich anzuschubsen. Während sich Jauch eine Stunde lang offensichtlich unwohl in seiner Rolle als Mann und Moderator wand, wünschte ich mir immer wieder Anne Will auf seinen Stuhl, die der Diskussion allein mit einer gehobenen Augenbraue hätte Beine machen können.

Für die aktuelle Ausgabe von Season habe ich die Wissenschaftlerin Una Röhr-Sendlmeier interviewt. Sie erforscht, wie sich die Berufstätigkeit der Eltern auf die Entwicklung von Kindern auswirkt. Dazu hat sie seit 2006 mehrere Studien durchgeführt, Schülerinnen und Schüler, sowie Eltern, Lehrerinnen und Lehrer befragt. Und fand dabei heraus: Die Kinder berufstätiger Mütter machen die höheren und besseren Abschlüsse.

Dabei fürchten in Deutschland immer noch viele Mütter, ihren Kindern zu schaden, wenn sie sich um ihre eigene Karriere kümmern anstatt ausschließlich um die schulische Entwicklung ihrer Kinder. Diese Angst sei, so die Psychologie-Professorin Röhr-Sendlmeier, vollkommen unbegründet:

Berufstätige Mütter leben den Kindern vor, sich gut zu organisieren, anspruchsvolle Aufgaben zu lösen. Sie können ihnen besser erklären, wie sie an Probleme herangehen könnten, kennen Wege und Strategien, wie man an Wissen gelangt, wie man sich selbst motiviert oder mit Misserfolgen umgeht. Sie sehen die Wichtigkeit, sich Neuem zu öffnen. All das können sich Kinder von ihnen abschauen. Außerdem sind berufstätige Mütter in ihrer Freizeit tendenziell aktiver und bieten ihren Kindern mehr Anregungen.

(…)

Trotzdem sind nur 54 Prozent der deutschen Mütter mit Schulkindern berufstätig. Unsere Unternehmenskultur macht es Frauen – und Männern – nicht gerade einfach, Familie und einen qualifizierten Beruf unter einen Hut zu bekommen.
Kinder entwickeln sich umso besser, je zufriedener die Eltern sind. Und Studien wie die des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigen, dass berufstätige Mütter im Schnitt sehr viel zufriedener sind als diejenigen, die zu Hause bleiben. Will man Kinder fördern, sollte man Müttern also ermöglichen zu arbeiten, und zwar so, dass sie das gefühl haben, ihren Beruf und ihre Familie gut vereinbaren zu können.

Dafür braucht jede Familie eine maßgeschneiderte Lösung – das legt Ihre neueste veröffentlichte Studie nahe, in der Sie auch den Einfluss der Väter untersuchen. Dabei stellen Sie fest, dass sich Kinder am besten entwickeln und die besten Schulleistungen erbringen, wenn die Eltern viele verschiedene Rollen leben können.
Wir schauen uns an, in welchem Gesamtumfeld die Kinder groß werden. Mütter und Väter, die sowohl Zeit für den Beruf als auch für die Familie und eigene interessen haben, sind am zufriedensten – was sich auf die sozial-emotionalen Fähigkeiten der Kinder auswirkt, die auch in der Schule unglaublich wichtig sind. Gerade werten wir eine Untersuchung zu Schuldgefühlen von Eltern aus und sehen schon jetzt: Sie wirken sich eher negativ auf die Entwicklung der Kinder aus. Gerade Mütter erleben immer noch einen starken Druck seitens der Gesellschaft, aber auch durch ihre Familie oder aus sich selbst heraus. Sie denken, sie könnten ihren Beruf eigentlich nicht aus vollem Herzen lieben und sollten ihn besser nicht ausüben. Dann kann es passieren, dass Mütter das Verhalten ihrer Kinder überinterpretieren, sich und ihrer Berufstätigkeit zum Beispiel die Schuld geben, wenn das Kind sich mal ängstlich verhält.

Eine gute Zusammenfassung der bisherigen Studien bietet ein Artikel aus “Psychologie Heute”, der auf den Seiten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung als PDF zum Download liegt: Klick.

Am Ende des Gespräch sagte Una Röhr-Sendlmeier übrigens sehr schön pragmatisch: “Mütterliche Schuldgefühle sind ein sehr deutsches Phänomen. Wäre es selbstverständlich, einen Teil des Tages im Büro und den anderen mit dem Kind zu verbringen, bräuchte sich keine Mutter schlecht zu fühlen.”

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