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Ende Oktober spreche ich auf der KarmaKonsum-Konferenz 2014, und zwar über Do It Yourself, das Selbermachen. War ja auch mein Thema im Buch “Hab ich selbst gemacht”, erschienen 2011, und seitdem ist die Selbermach-Welle eher noch größer geworden.

Warum also gibt es immer mehr Menschen, die sich ihre Kleidung selber nähen oder im Mini-Hinterhof Gemüse züchten, die ihre Möbel selberbauen oder ihr Brot selberbacken? Ein paar Antworten habe ich vorab schon KarmaKonsum-Gründer und -Geschäftsführer Christoph Harrach in einem Interview gegeben. So glaube ich, dass das DIY eine fast schon zwangsläufige Gegenbewegung zum Massenkonsum ist. Ich glaube zwar nicht, dass das eine das andere irgendwann ersetzen wird, glaube aber, dass das Selbermachen umso populärer werden wird, je einheitlicher und zahlreicher unsere Konsumgüter werden. Besonders in unserer Kultur, die ja eigentlich auf Individualismus setzt. Wenn jedes Ding, das ich kaufe, noch zwei Fantastilliarden mal existiert, habe ich kaum eine Chance, mich von der Masse abzuheben. Also selber machen.

Außerdem waren wir noch nie so gut darüber informiert, wie unsere Konsumgüter produziert werden. Wir wissen über Sweat Shops, überdüngte Baumwollfelder, giftige Weichmacher Bescheid. Eine Zeitlang kann man Augen und Ohren fest zukneifen und das Ganze ignorieren – “ich kann das ja eh nicht ändern” –, aber das Selbermachen bietet eben eine konkrete Alternative, bei der sich jeder Produktionsschritt kontrollieren lässt.

Ich könnte jetzt hier noch eine Roman über all die weiteren Aspekte des Do-It-Yourself als Konsumalternative schreiben,  jetzt aber erst mal schnell der Link auf das Gespräch, man kann es hier anhören: “Die Do-It-Yourself-Revolution. Selbermachen statt Massenkonsum”. Für die Konferenz kann man sich hier anmelden.

Auf der Konferenz wird es viele weitere spannende Vorträge geben, zum Beispiel zur Frage wie mehr Wachstum auch mehr Lebensfreude bedeuten kann, über bewussteres Wirtschaften, oder auch über Minimalismus in Zeiten der Individualisierung. Einige der Referentinnen und Referenten wurden ebenfalls vorab interviewt, man kann die Gespräche ebenfalls online anhören.

Ich freue mich, wenn wir uns in Frankfurt sehen. Sagt Hallo!

Vor zwei Wochen druckte der Stern Fotos aus Jade Bealls Buch “The Bodies Of Mothers”. Ich fand die Fotos sehr beeindruckend, denn die strahlen eine schöne Wärme aus, gleichzeitig sind sie ehrlich, sie zeigen die Spuren, die eine Schwangerschaft hinterlassen kann – und die Frauen auf den Fotos erzählen genauso ehrlich, was diese Spuren bei ihnen auslösen. Zum Beispiel das Gefühl, nicht mehr im eigenen Körper zu wohnen. Oder Stolz, so etwas Unglaubliches geschafft zu haben wie ein Kind neun Monate lang wachsen zu lassen. Manche Frauen gehen gelassen mit den Veränderungen um, manche hadern – genau so, wie es wohl einfach ist, wenn man mit Müttern über ihr Körpergefühl nach einer Geburt spricht.

Jade Beall, The Bodies Of Mothers

Diese Woche nun erschienen im Stern drei Leserbriefe zu dieser Fotostrecke, einer von einem Mann, zwei von Frauen.

Der Brief des Lesers:
“Das sind Frauen, die unsere Zukunft mit Schmerzen auf die Welt gebracht haben. Wir brauchen keine Frauen mit Fettabsaugung, Silikonbrüsten und Botoxbehandlung. Die abgebildeten Frauen zeigen das wahre Leben und sind schön anzusehen.”

Vielleicht ein bisschen pathetisch, das mit der Zukunft und so, aber warum nicht – wenn man länger als eine Sekunde über das Ding mit dem Kindermachen und Kinderkriegen nachdenkt, dann ist das auch verdammt faszinierend und großartig und man kann vielleicht auch gar nicht zu pathetisch sein bei diesem Thema.

Dann aber die beiden Briefe der Leserinnen. Mich hat’s fast umgehauen.

Leserin Nr. 1 schreibt:
“Für Geld tut man ja vieles … Ich finde einige dieser Bilder eklig. Mutter und Kind, das Stillen, Intimität, das Besondere – alles weg, alles verdorben. Mal schauen, was die Kinder später dazu sagen.”

Und Leserin Nr. 2:
“Diese Frauen müssen aber zu einer ganz kleinen Minderheit gehören. Ich habe viele Freundinnen mit Kindern und bei keiner einzigen hat sich der Körper so negativ verändert. Ich selber habe meinen Sohn mit 41 bekommen und sah danach besser aus denn je. Dieser Artikel macht nicht gerade Mut, Kinder zu bekommen.”

Die Verachtung, die aus beiden Briefen spricht, finde ich schwer zu ertragen – gerade auch, weil völlig klar ist, dass es die ganz alltägliche Verachtung von Frauen anderen Frauen oder sich selbst gegenüber ist. Die eine unterstellt, das mit den Schwangerschaftsstreifen und Kuschelbäuchen müsse ja nun wirklich nicht sein, wenn man sich nur ordentlich im Griff hat, trainiert, diätet, was weiß ich. Die andere sagt ganz offen, die fotografierten Mütter würden für ‘ne schnelle Mark in Kauf nehmen, ihren Kindern psychischen Schaden zuzufügen.

Beide haben kein Problem, ihre Meinungen zusammen mit ihrem vollen Namen im Stern abgedruckt zu sehen, Leserbriefschreiberinnen und -schreiber werden von den Redaktionen stets auf diese Möglichkeit hingewiesen. Vielmehr müssen sie sich in ihrer Haltung so dermaßen sicher fühlen und so ganz und gar blind für ihre Verächtlichkeit sein, dass ich mich einfach nur frage:

Wann haben wir eigentlich aufgehört, anderen Frauen ein Mindestmaß an Respekt entgegenzubringen?

Tag zwei einer Konferenz begrüßt einen ja immer schon mit einem ganz anderen Gefühl als der erste Tag. Man kennt schon viele Gesichter, setzt nicht mehr jeden Schritt vorsichtig vor den anderen, sondern marschiert gleich mal drauflos, man weiß, wo das Klo, die Bar, der Workshop, die netten Leute sind. Beim DLDwomen verstärkt sich dieses Gefühl noch mal dadurch, dass man hier einfach aufeinander zugeht, ins Gespräch kommt, wieder eigener Wege geht, später noch mal plaudert und vielleicht auch Mailadressen tauscht. Alles sehr angenehm, ohne alle drei Meter eine Visitenkarte ins Gesicht gesteckt zu bekommen. Ich hatte jedenfalls schon beim Aufwachen zwei Verabredungen für den Tag mit Menschen, die ich vor der Konferenz noch nicht kannte, und ich freute mich drauf.

An der Bushaltestelle traf ich zufällig eine Workshop-Mitteilnehmerin vom Vortag und wir sprachen da weiter, wo wir vortags aufgehört hatten: über fehlende role models für Mütter, die auch mit Kindern gerne und viel und gerne viel arbeiten möchten. Beziehungsweise, dass es so wunderbar auf dieser Konferenz ist, genau diese role models vor die Nase gesetzt zu bekommen, sich mit ihnen unterhalten zu können, und sich so automatisch weniger wie eine (was auch immer damit gemeint sein soll) “schlechte” Mutter zu fühlen.

Leider zu spät gekommen und deswegen sowohl “Unite! An Urgent Call For Action” als auch “#Activism” halb verpasst, begann mein Tag mit Luc de Brabandere und seinem Vortrag “Thinking In New Boxes”. Bitte diesen Vortrag anschauen, denn so unterhaltsam und anschaulich habe ich noch niemanden über Kreativität und Innovation sprechen hören:

Als nächstes sprach Jaleh Bisharat über “Talent In The Sharing Economy” und löste in mir viele widersprüchliche Gefühle aus. Ihre Thesen waren nämlich folgende fünf:
1) Corporate loyalty is dead.
2) Social networks have changed the way we hire.
3) The best talent isn’t necessarily within driving distance.
4) Businesses of one will be the new normal.
5) Work is no longer a place.

Heißt in mehr als fünf Sätzen: Wir binden uns nicht mehr ein Leben lang an ein Unternehmen, im Durchschnitt arbeiten junge Menschen heute drei Jahre für ein Unternehmen. Unsere Portfolios werden sich immer mehr ausdifferenzieren, wir werden mehr als nur einen Job haben, “we will be students for the rest of our lifes”, wie Bisharat es formulierte. Arbeitgeber können heute unsere Arbeit kennenlernen, noch bevor wir uns das erste Mal getroffen haben, sprich: Jemand kann auch auf Talente aufmerksam werden, ohne dass sich der- oder diejenige beworben hat oder einen öffentlichen Job hat. Außerdem steige in Zukunft die Zahl der so genannten Solopreneurs, die sowohl selbst Arbeit abliefern als auch andere anheuern, um Zuarbeiten machen zu lassen. Soweit das Szenario, das in mir gleichzeitig Begeisterung (yeah, Freiheit!) als auch Beklemmung auslöst.

Und diese widerstreitenden Gefühle gehören unweigerlich zu diesem Thesenpaket hinzu. Denn ja, es ist super, nicht auf Gedeih und Verderb an ein Unternehmen gebunden zu sein. Ich arbeite ja auch selbstständig, und zwar völlig freiwillig, ich schreibe für Magazine in München, Zeitungen in Hamburg, mache einen Podcast über die Distanz München–Berlin hinweg, und tatsächlich ist auch für mich die Arbeit kein bestimmter Ort, an den ich jeden Morgen gehe. Aber genau das vermisse ich auch mindestens einmal die Woche. Denn mein Job (und laut Bisharat die Jobs vieler Tausend oder Millionen Menschen der Zukunft) steckt 24/7 in meiner Hosentasche. Das Problem der ständigen Verfügbarkeit, dem Terror der Eigenverantwortlichkeit, das wird ja schon seit ein paar Jahren ausführlichst besprochen – und ich errinnere mich an Ursula von der Leyens Vortrag beim DLDwomen 2012, in der sie dazu aufrief, sich selbst Regeln aufzustellen, z.B. am Wochenende das Handy unbedingt ausgeschaltet zu lassen. Diese Selbstdisziplin ist etwas, das jede und jeder dieser Solopreneurs gar nicht zu viel üben kann (und ich glaube, man kann sie wirklich nur jeden Tag üben, man wird sie nie einfach so besitzen). Der Respekt vor den daraus folgenden Spielregeln der Selbstständigen muss aber auch den Arbeitgebern antrainiert werden. Notfalls mit technischen Ideen, die ja eben all die anderen Freiheiten erst einmal gebracht haben. So wie es für Freelancer Apps gibt, die die WLan-Verbindung für lange Strecken des Arbeitstages ausschalten, sollte es auch für Arbeitgeber Apps geben, die beispielsweise nach 19 Uhr oder an Samstagen beim Wählen einer Nummer oder Schreiben einer Mail nachfragen, ob man diesen Menschen wirklich in seinem Leben abseits der Arbeit stören möchte (und nicht vielleicht selber auch mal Feierabend machen sollte). Oder so.

Daneben bringt die Sharing Economy viele weitere Probleme mit sich, zum Beispiel Preisdumping. Wenn hunderte freie Journalisten, Web-Designerinnen, Übersetzerinnen, Fotografen ihre Arbeit auf Web-Portalen wie oDesk anbieten oder Haushaltshilfen auf Homejoy zu einer neuen Generation Tagelöhner werden, werden die Preise zwangsläufig fallen – so jedenfalls  die Kritik von Tilman Baumgärtel, im Juni erschienen in der Zeit. Beide Firmen, oDesk und Homejoy stellten beim DLDwomen ihre Konzepte vor, deswegen erwähne ich sie. In digitaler und innovativer Hinsicht sind beide auf jeden Fall interessant. Arbeitsmarkttechnisch kann man beide allerdings auch kritisch sehen.

Den späten Vormittag verbrachte ich bei einem Workshop über “Personality PR“, der ein bisschen was von Psychotherapie hatte, deswegen aber auch sehr aufschlussreich war. Denn all die Fragen: Wer bin ich? Was kann ich? Was sind meine Stärken? Und die Schwächen?, die bringen einen ja auch beruflich voran, vor allem, wenn es vielleicht mal in eine andere Richtung als die bisherige gehen soll. Das unterhaltsamste an der Stunde Workshop – und Workshopleiter Tilo Bonow war schon sehr unterhaltsam – waren die vielen Smartphones, die bei jeder PowerPoint-Tafel in die Höhe gereckt wurden, manchmal auch das Stöhnen, wenn die Tafeln zu schnell wechselten und der Handykamera-Auslöser zu langsam war. Bonow war selbst fasziniert und amüsiert – aber hey, er war eben auf einer Digital-Konferenz. Dort taucht doch kaum jemand mit einem Nokia-Handy ohne Foto-Funktion auf (ich).

Der letzte Vortrag, der mir dann noch richtig gut gefallen hat, war der von Shane Show über “Smartcuts“. So heißt auch sein Buch, dessen zentrale These er eben in diesem Vortrag vorstellte, und zwar illustriert durch das Spiel “Bigger or better”. Man fängt mit einem kleinen, unnützen Gegenstand an, z.B. einem Zahnstocher, und versucht ihn, gegen etwas ein wenig besseres oder größeres einzutauschen. Das macht man dann so lange, bis man wirklich interessante Sachen ertauscht und zum Schluss etwas erhält, von dem man am Anfang, mit dem Zahnstocher in der Hand, niemals gedacht hätte, es ertauschen zu können. Seine Karriere-These nun: Man erreicht Ziele, von denen man vielleicht nur träumen konnte, wenn man sich immer wieder die Frage stellt, was vielleicht ein kleines bisschen größer oder besser wäre als die bisherige Aufgabe. So “tauschte” er sich vom Gastautor für eine One-Man-Webseite über viele kleine Stationen, hin zu Wired, seinem ursprünglichen Traumarbeitgeber, und schrieb letztendlich sogar für den New Yorker. Diese Strategie bringt mit sich, nicht gleich am Anfang des Weges davon erschlagen zu sein, irgendwann mal bei den ganz Großen mitspielen zu wollen. Stattdessen sich Schritt für Schritt voranzuwagen, immer neues Selbstbewusstsein im Gepäck, der Aufgabe auch gewachsen zu sein, und am Ende schneller den Traum zu erreichen als man es jemals für möglich hielt. Snow brauchte vom Blog bis zu Wired gerade mal sechs Monate.

Es folgten dann noch mehrere Technologien-Ideen, die vorgestellt wurden, die mich allerdings mehr amüsierten als begeisterten, nämlich Kleider mit LEDs, die – immerhin – zum Beispiel Twitternachrichten anzeigen, die an die Trägerin geschrieben werden. Nicole Scherzinger hat das Kleid bereits getragen. Das 24/7-Monitoring für Schwangere dagegen erinnerte mich sofort an meine 17 Monate Schwangerschaft, in denen ich extrem genervt war von der Testwut der Gynäkologinnen und -logen. Da wünsche ich mir eher etwas mehr Freiheiten für Schwangere als Wearables, die der Trägerin zeigt, ob sie sich gerade “korrekt” verhält.

Insgesamt hatte die Konferenz eine sehr gute Mischung aus digitalen Innovationen, Ideen, Coaching, entspanntem Netzwerken, Inspiration, die man als Zuhörerin einfach entspannt beim Zuhören in sich hineinfließen lassen konnte, und einer fröhlich-enthusiastischen Atmosphäre. Twitter spiegelte das ganz gut wider. Am Ende von Tag 2 war ich jedenfalls von all den beeindruckenden Frauen, den tollen Geschichten, den Ideen und Gedanken so überwältigt, dass ich noch bis zum Abend immer nur denken konnte: Morgen gründe ich mein eigenes Unternehmen. Mal gucken, wofür und womit.

2012 war ich schon mal kurz auf der Konferenz DLDwomen. Leider kürzte mein damals noch ungebohrener Sohn meinen Besuch auf einen Vormittag ab. Nach vier Vorträgen/Panels bei hochsommerlichen Temperaturen musste ich heim ins Bett, schlafen, mich übergeben, schwangerschaftskranksein.

Im Gedächtnis blieb mir aber Iris Bohnets Vortrag, der auch zwei Jahre später noch absolut sehenswert ist:

Entsprechend freute ich mich, dieses Jahr wieder ein Ticket zu haben und mir diesmal die vollen zwei Tage geben zu können. Hier spricht eine tolle Frau nach der nächsten, eine inspirierender und klüger als die nächste.

Margherita Missoni (Missoni, klar), Stephanie Phair (Outnet.com) und Miroslava Duma (Buro 24/7) sprachen über “21st Century Branding“, also wie man heute eine Marke groß machen kann. Missoni sagt, für sie habe es lange Zeit gut funktioniert, einfach spontane Entscheidungen zu treffen, aber sie habe das Gefühl, heute müsse viel geplant sein (und dabei spontan wirken), nur fehle Missoni das Geld, zum Beispiel Stars zu bezahlen, damit sie auf dem roten Teppich Missoni spazieren tragen. Leider bringen spontane Entscheidungen mit sich, dass man sie nicht als How-to weitererzählen kann, an dieser Stelle war also nicht viel mehr über ihr Erfolgskonzept innerhalb des Modeunternehmens zu erfahren.

Stephanie Phair und Miroslava Duma sprachen dann noch über erfolgreiche Bildsprache: Bilder, Kampagnen müssten ihrer Zielgruppe die Möglichkeit geben, sich mit dem Produkt zu identifizieren, heißt: einen Kosmos schaffen, der auch den Alltag der Leserinnen abbildet. Phair sagte beispielsweise, für sie spielten Models und Schauspielerinnen kaum eine Rolle, weil sie mehr Erfolg damit hätten, den Leserinnen echte Frauen mit spannenden Lebensläufen zu zeigen – so war Duma schon Testimonial in einer Kampagne (wenn ich das richtig verstanden habe). Vielleicht lässt sich von diesem Statement auch die eine oder andere Frauenzeitschrift inspirieren?

Miroslava Duma sprach am Ende der Diskussion den (sowohl für Online-Experimenteure als auch für Print-Hasen) optimistischen Satz: “There is a place for every medium and channel, it just has to be high-quality.” Das ganze Gespräch kann man noch mal im Video nachschauen.

Ann-Kristin Achleitner (TU München) sprach anschließend mit Antonella Mei-Pochtler darüber, wie sich die Leidenschaft und Kreativität von Start-uplern in große Unternehmen tragen ließen. Achleitner plädierte leidenschaftlich dafür, die (natürlicherweise kontrollsüchtigen Unternehmen) müssten denjenigen mit den hochfliegenden Ideen vor allem Freiheit geben. Die Freiheit, ihre Ideen auch auszuprobieren, vor allem aber auch die Freiheit, mit diesen Ideen eventuell zu scheitern. Beide Frauen waren sich einig, dass die Karrierefixiertheit, die schon Absolventen an den Tag legten, nicht hilfreich sei. Für Innovationen sei es viel sinnvoller, nicht schon von Beginn des Berufslebens an zu wissen, wohin es gehen soll. Das kann man wohl ohne viel Federlesen unterschreiben.

Heidi Stopper (Pro7/Sat1) sagte im Panel “Decoding Talents” (Video), heute müssten sich immer mehr die Firmen um die Angestellten bemühen, die im Zweifelsfall auch als Freie arbeiten würden und konkret fragen, was das Unternehmen ihnen bieten kann. Das sei auch eine gute Situation für Frauen, Ansprüche zu stellen, zum Beispiel wie sich Privat- und Arbeitsleben vereinbaren lassen. Sie selbst hat (als es noch unüblich war), bei ihrem Arbeitgeber einen “Tele-Arbeitstag” pro Woche durchgesetzt. Dieses Versprechen höre ich einerseits immer wieder gerne, macht es doch optimistisch, dass es vielleicht doch eine Zukunft geben könnte, in der Vorgesetzte verstehen, dass da Menschen für sie arbeiten und diese Menschen auch ein Leben vor 9 und nach 5 haben. Andererseits neige ich nach zehn oder mehr Jahren beschworenem Fachkräftemangel und der damit angeblich einhergehenden Flexibilität der Unternehmen auch dazu, dem nicht so recht zu glauben. Trotzdem habe ich, vor allem bei Männern in meinem Umfeld mitbekommen, dass sie tatsächlich viel mehr durchsetzen können als sie dachten, wenn sie nur stur genug darauf bestehen, z.B. ein halbes Jahr Elternzeit zu machen und anschließend an ein paar Tagen in der Woche früher zu gehen, um die Kinder abzuholen.  Dass gerade die Männer das machen, halte ich für nicht zu unterschätzen. Denn die Frau, die flexiblere Arbeitszeiten fordert, ist eben doch immer nur die Frau, die das (klar) mit den Kindern macht. Der Mann, der das Gleiche tut, eröffnet seinen Vorgesetzten aber ein ganz neues Universum, dass es eventuell egal sein könnte, wer das Kind aus seinem Körper presst, denn – einmal auf der Welt – hat es ZWEI Eltern.

Rosa Riera (Siemens) gab am Ende des Panels noch den guten Ratschlag: “Never be the smartest person in the room.” Sie sagte: Sammle so viel Feedback wie du kannst, denn das gibt dir die Chance, dich weiterzuentwickeln.

Am Ende des Tages habe ich dann noch den Workshop “Be Bold, Be Brave – How to Fund and Grow a Company” besucht, der vor allem durch die Gründerinnen, die ihn in kleineren Gruppen leiteten, nicht nur ein Riesenspaß war, sondern auch einen Sack voll Erkenntnissen mit sich brachte, wie das denn gehen soll, dass aus einer vielleicht erst mal ganz kleinen Idee wirklich einmal ein Unternehmen wird. Allein schon der Titel machte Lust, direkt am späten Abend von Tag 1 noch den Computer aufzuklappen und ein Businesskonzept zu schreiben. Habe ich dann doch nicht gemacht, Schlaf muss sein, und es folgt ja noch ein Tag 2.

Zum Thema “Einfach mal machen” passt aber sehr schön Meike Winnemuths Vortrag von 2013:

Teresa Bücker aka @fraeulein_tessa sprach gestern auf der republica ’14 über “Activist Burnout & Broken Comment Culture”.

 

Sie hat Recht. 30 Minuten lang. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, Aspekte ihres Vortrags aufzugreifen und zu kommentieren. Mädchenmannschaftsgründung. Mädchenmannschaftstrennung. Feministische Debatten. Lange Diskussionen um “Erklär-Bärinnen” und Kommentarkultur. Fachpublikum vs. breite Masse. Triggerwarnungen. Twitter-Pöbeleien. Wer ist die beste Feministin im ganzen Land?

Im Prinzip wird im Vortrag alles angesprochen, was mir selbst immer wichtiger geworden ist und was ich dem aktuellen Online-Feminismus wünsche: mehr Gelassenheit, mehr Toleranz, jede und jeder macht Fehler, “Communities müssen ihre Unterschiedlichkeit feiern – und nicht ihre Ähnlichkeit”, wie es Teresa formulierte.

Ich schreibe “dem Feminismus wünsche” und nicht “mir”, weil der feminist burnout schon vor einer Weile über mich hinweg gerollt ist. Was nicht dazu führte, dass ich nun keine feministische Projekte mehr habe, siehe Featurette und Lila Podcast oder auch der kleine Münchner Verein Frauenstudien. Da ist immer noch ein kleines bisschen Glut, denn meine Haltung ist ja immer noch die Gleiche. Doch mit diesem bisschen Glut muss ich haushalten, muss mir genau überlegen, welches Streichholz sich lohnt damit anzuzünden. Dagegen: Für die Mädchenmannschaft habe ich an einigen Tagen von morgens um 7 bis nachts um 2 vor dem Rechner gehangen, geschrieben, am CSS rumgefummelt, Aktionen geplant, Logos gebastelt.

Keep Calm And Go Get A LifeSo traurig mich der Gedanke macht, würde ich das heute für kein noch so wichtiges Projekt mehr machen. Klar, ein Punkt mag sein, dass ich seit meinem Ausstieg aus der Mädchenmannschaft zwei Kinder mehr habe. Aber er ist nicht entscheidend, auch jetzt könnte ich ganze Tage anstatt in meine Erwerbsarbeit in ein Projekt stecken. Nur: zieht mich nicht viel in “den” momentanen Online-Feminismus, sprich: in die Debatten, die da geführt werden. Eben weil es – wie Teresa in ihrem Vortrag so treffend sagt – so oft um Personen geht anstatt um Akte. Die Frage ist viel zu oft: “WER hat was gesagt?” anstatt “Wer hat WAS gesagt?”

Ich sehe keinen Grund, warum mich etwas, das mich an Männerrunden stört, nämlich die WER-Frage, an Frauenrunden nicht stören sollte. In diesem Falle spielt das Geschlecht einfach keine Rolle, es nervt IMMER und ist genauso immer kontraproduktiv. Als “Wir Alphamädchen” erschien, musste ich sehr oft erklären, warum wir nicht über Alleinerziehende geschrieben haben, warum nicht über Transgender, über Frauen, die eine andere Hautfarbe haben als ich, über Muslima, über Behinderte, über lesbische Frauen. Ganz am Anfang dachte ich nur: “Hä?”, weil es mir persönlich fremd ist, jemanden dafür zu kritisieren, was er oder sie nicht getan hat – wenn ich fand/finde, dass es getan werden muss, dann tat/tu ich es halt selber.

Aber ich lernte dazu, dass 2008 eben genau diese Perspektiven im frisch aufkeimenden Feminismus-Diskurs fehlten. Damals wie heute kann ich trotzdem nicht anders auf solche Fragen antworten als: Ich kann nur aus meiner Perspektive sprechen, ich kann mit anderen sprechen, aber würde mir nie anmaßen, über sie zu sprechen. Und bis heute denke ich, dass die feministische Idee, nämlich die Gleichstellung von Frauen und Männern, dann am schnellsten erreicht wird, wenn in jedem Bereich der Gesellschaft, an allen kleineren und größeren Ecken und Enden geschraubt wird. Dass es dafür viele verschiedene Formen braucht, und dass es für alle am meisten Spaß macht, wenn jede die Form findet, die ihr am besten passt.

Deshalb sehe ich immer wieder neidisch z.B. in die USA, die nicht nur eine große feministische Aktivismusszene haben, gerade auch online, sondern wo es auch für Managerinnen, Politikerinnen, Frauen aller Kulturen, Hautfarben, sozialer Schichten, mit und ohne Kinder, ganz normal ist, sich Feministin zu nennen. Also dass da einfach jede ihr Ding macht, so wie sie es eben für richtig hält (und die eine hält nun mal eine Karriere im Kapitalismus für ihr Ding, die andere ihre Leidenschaft für veganes Essen) und ganz nebenbei feministisch ist.

Diese Alltagsfeministinnen fehlen mir in Deutschland als Vorbild sehr schmerzlich. Es gibt sie, ja, aber der breiten Masse sagt vor allem der Name Alice Schwarzer wirklich was. Und sie ist eben: Vollzeitfeministin. Und so steckt in der öffentlichen Wahrnehmung, und leider auch in der Selbstwahrnehmung vieler feministisch engagierter Frauen und Männer die Vorstellung fest, eine echte Feministin, die kämpft rund um die Uhr für Gleichberechtigung. Das ist ihr Ding, ihr Thema.

Nur: Feminismus ist eine Haltung, kein Thema.

Die Themen sind gesellschaftliche Themen, mit feministischer Haltung angepackt, angeschaut, kritisiert, verändert. Deswegen habe ich zuletzt, da es wieder so viele Kämpfe um die Deutungshoheit gibt, wer oder was denn überhaupt feministisch sei, gemerkt, dass dieser Aktivismus nicht meiner ist. Oder vielleicht auch nicht mehr meiner ist. Sechs Jahre nach dem Start der Mädchenmannschaft und dem Alphamädchen-Buch ist die feministische Debatte viel weiter, viel breiter – das ist toll, aber es bedeutet auch, dass die Aufbruchsstimmung weg ist und das Erreichte, nämlich die Aufmerksamkeit für feministische Belange, hart umkämpft wird. Und wer da mitmischen will, kann das nur Vollzeit tun. Wer – wie ich – nur einmal am Tag oder auch nur alle paar Tage gerade mal schafft, Twitter anzuknipsen, kapiert die meisten Diskussionen gar nicht und schafft nicht einmal ansatzweise, sich in die Zusammenhänge und Hintergründe des neuesten Aufregers einzulesen. Diese Zeit habe ich nicht. Diese Zeit haben andere Frauen, gerade die mit den geringsten Privilegien, noch viel weniger.

Also setze ich auf all die Frauen und Männer, die ihr Leben leben und jeden Tag die Welt mit ihren Entscheidungen, ihrem Handeln und Sprechen, ein bisschen besser machen. Weil sie beschließen, keine Diät mehr zu machen. Weil sie der Kollegin einen super Trick aus der letzten Gehaltsverhandlung verraten. Weil sie mit ihren Kindern über Stereotype sprechen. Weil sie an ein Mädchenhaus in Indien spenden. Weil sie sich für ein politisches Amt bewerben. Weil sie ihren schlagenden Mann verlassen. … Das könnte man jetzt endlos weiterspinnen. Es ist ja auch der Alltag, die Welt, da gibt es eine Milliarde Möglichkeiten, feministisch zu sein.

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