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Die starke Frau

Sonntagabend. ARD. Die Frage des Abends lautet “Hat Deutschland ein Sexismusproblem?” Die der Moderator allerdings im Laufe der Sendung immer wieder gekonnt umschifft. Stattdessen kann man an diesem Abend überraschend viel darüber lernen, was verschiedene Generationen für Emanzipation halten. Denn dort sitzt zu Günther Jauchs Linken Wibke Bruhns, Journalistin Jahrgang 1938, und vertritt vehement die Meinung, als Frau solle man sich nicht so anstellen, nicht freiwillig zum Opfer machen, stattdessen lieber wehren und akzeptieren, dass Männer nun mal so sind. Sie zeichnete als Ideal das, was man früher eine “starke Frau” genannt hätte.
Allein ihre Aussagen und ihr stets süffisantes Lächeln, mit dem sie auf die Zustandsbeschreibungen des deutschen Sexismus reagierte, waren eigentlich Beweis genug, dass wir da tatsächlich noch ein Problem haben. Wir, das heißt in diesem Fall: die deutsche Gesellschaft. Jedenfalls so lange selbst Frauen der Überzeugung sind, es sei schon okay, im Job vom Vorgesetzten / Kollegen / Gegenüber angegraben zu werden oder einfach auf anzügliche Weise angequatscht. Dass Frauen das eben aushalten müssten, wenn sie sich in die Männerwelt begeben.Bruhns hat mit ihren Statements genau dieses Denken gezeigt: dass sie die Arbeitswelt für die Domäne der Männer hält, in der es eben auch unangenehme Spielregeln gibt, die Frauen nun mal mitspielen müssen – und sich nicht nach übergriffigen Situationen ins Abseits, sprich: in die Opferecke, stellen sollten.
Das mag in Bruhns frühen Berufsjahren der einzig gangbare Weg gewesen sein, doch zwischen damals und heute gab es die Frauenbewegung, die massenhafte Emanzipation der Frauen und ihr genauso massenhafter Eintritt in die Berufswelt. Was alles geändert hat oder alles hätte ändern müssen. Auch die Spielregeln.

Das versuchten die Diskussionsteilnehmerinnen auf Jauchs linker Seite auch klarzumachen: Alice Schwarzer beschrieb genau diese weibliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte. Silvana Koch-Mehrin deutete an, dass sie durchaus ekliges Verhalten von Männern in der Politik erlebt hat und weiß, es an sich abprallen zu lassen, es aber für eine absolute Notwendigkeit hält, dass sich Männer und Frauen im Berufsleben auf Augenhöhe begegnen. Anne Wizorek wiederum machte klar, dass es zum Selbstverständnis junger Frauen gehört und gehören muss, sich nicht schmierig anmachen lassen zu müssen, dass sie von ihrem Gegenüber erwarten dürfen, die Grenze zwischen Geplauder, Flirt und Übergriffigkeit zu kennen.

Hellmuth Karasek, der ebenfalls in der Runde saß, illustrierte Wibke Bruhns Mann-Frau-Verständnis so hübsch wie aggressionsauslösend: Man dürfe doch Sex nicht verbieten, Dirndl seien doch erfunden worden, um Frauen auf den Busen zu schauen, und überhaupt: Wo kämen wir denn hin, wenn die Frauen einfach bestimmen dürften, was sie als sexistisch empfinden? Karasek bewies: Man kann es auch einfach nicht verstehen wollen. Oder schlicht überfordert sein von den Zeiten, in denen sich Frauen tatsächlich als gleichberechtigt verstehen. Karasek gab an diesem Abend die traurigste Figur ab. Man hätte ihn gern an der Hand aus der Runde geführt und in einen gemütlichen Sessel gesetzt, einen Schmöker in die Hand gedrückt.

Noch trauriger war an diesem Sonntag nur noch das vermittelte Männerbild. Wibke Bruhns fand, Männer sind nun mal so und es komme nur auf die Menge Alkohol an, die einer getrunken habe, bevor er anzüglich werde. Und Jauch schritt nicht etwa ein, vielmehr schien er vom Thema / vom Problem kaum weniger überfordert als Karasek, wenn er als Moderator (!) Anne Witzork antippt unf fragt, ob er ihr denn zum Beispiel ein Kompliment für ihr Kleid machen dürfe oder ob das schon sexistisch sei.
Als Showeinlage wäre das eine hübsche Demonstration dessen gewesen, wie ahnungslos (oder darf ich sagen: dumm?) man sich stellen kann, wenn man vom existierenden Sexismus nichts wissen will. Leider war die Frage ernst gemeint.

Die Erkenntnisse des Abends waren vordergründig extrem gering – man konnte vor allem einen zu niedrigen Blutdruck etwas in Schwung bringen. Und doch stand das Gesagte und Gesehene für so vieles, dass jetzt nach und nach und unabhängig vom Fall Brüderle besprochen werden muss. Schön wäre gewesen, hätte Deutschlands wichtigste Talkshow wenigstens den Versuch gemacht, die Dunkelstellen auszuleuchten und die Debatte wirklich anzuschubsen. Während sich Jauch eine Stunde lang offensichtlich unwohl in seiner Rolle als Mann und Moderator wand, wünschte ich mir immer wieder Anne Will auf seinen Stuhl, die der Diskussion allein mit einer gehobenen Augenbraue hätte Beine machen können.

Für die aktuelle Ausgabe von Season habe ich die Wissenschaftlerin Una Röhr-Sendlmeier interviewt. Sie erforscht, wie sich die Berufstätigkeit der Eltern auf die Entwicklung von Kindern auswirkt. Dazu hat sie seit 2006 mehrere Studien durchgeführt, Schülerinnen und Schüler, sowie Eltern, Lehrerinnen und Lehrer befragt. Und fand dabei heraus: Die Kinder berufstätiger Mütter machen die höheren und besseren Abschlüsse.

Dabei fürchten in Deutschland immer noch viele Mütter, ihren Kindern zu schaden, wenn sie sich um ihre eigene Karriere kümmern anstatt ausschließlich um die schulische Entwicklung ihrer Kinder. Diese Angst sei, so die Psychologie-Professorin Röhr-Sendlmeier, vollkommen unbegründet:

Berufstätige Mütter leben den Kindern vor, sich gut zu organisieren, anspruchsvolle Aufgaben zu lösen. Sie können ihnen besser erklären, wie sie an Probleme herangehen könnten, kennen Wege und Strategien, wie man an Wissen gelangt, wie man sich selbst motiviert oder mit Misserfolgen umgeht. Sie sehen die Wichtigkeit, sich Neuem zu öffnen. All das können sich Kinder von ihnen abschauen. Außerdem sind berufstätige Mütter in ihrer Freizeit tendenziell aktiver und bieten ihren Kindern mehr Anregungen.

(…)

Trotzdem sind nur 54 Prozent der deutschen Mütter mit Schulkindern berufstätig. Unsere Unternehmenskultur macht es Frauen – und Männern – nicht gerade einfach, Familie und einen qualifizierten Beruf unter einen Hut zu bekommen.
Kinder entwickeln sich umso besser, je zufriedener die Eltern sind. Und Studien wie die des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigen, dass berufstätige Mütter im Schnitt sehr viel zufriedener sind als diejenigen, die zu Hause bleiben. Will man Kinder fördern, sollte man Müttern also ermöglichen zu arbeiten, und zwar so, dass sie das gefühl haben, ihren Beruf und ihre Familie gut vereinbaren zu können.

Dafür braucht jede Familie eine maßgeschneiderte Lösung – das legt Ihre neueste veröffentlichte Studie nahe, in der Sie auch den Einfluss der Väter untersuchen. Dabei stellen Sie fest, dass sich Kinder am besten entwickeln und die besten Schulleistungen erbringen, wenn die Eltern viele verschiedene Rollen leben können.
Wir schauen uns an, in welchem Gesamtumfeld die Kinder groß werden. Mütter und Väter, die sowohl Zeit für den Beruf als auch für die Familie und eigene interessen haben, sind am zufriedensten – was sich auf die sozial-emotionalen Fähigkeiten der Kinder auswirkt, die auch in der Schule unglaublich wichtig sind. Gerade werten wir eine Untersuchung zu Schuldgefühlen von Eltern aus und sehen schon jetzt: Sie wirken sich eher negativ auf die Entwicklung der Kinder aus. Gerade Mütter erleben immer noch einen starken Druck seitens der Gesellschaft, aber auch durch ihre Familie oder aus sich selbst heraus. Sie denken, sie könnten ihren Beruf eigentlich nicht aus vollem Herzen lieben und sollten ihn besser nicht ausüben. Dann kann es passieren, dass Mütter das Verhalten ihrer Kinder überinterpretieren, sich und ihrer Berufstätigkeit zum Beispiel die Schuld geben, wenn das Kind sich mal ängstlich verhält.

Eine gute Zusammenfassung der bisherigen Studien bietet ein Artikel aus “Psychologie Heute”, der auf den Seiten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung als PDF zum Download liegt: Klick.

Am Ende des Gespräch sagte Una Röhr-Sendlmeier übrigens sehr schön pragmatisch: “Mütterliche Schuldgefühle sind ein sehr deutsches Phänomen. Wäre es selbstverständlich, einen Teil des Tages im Büro und den anderen mit dem Kind zu verbringen, bräuchte sich keine Mutter schlecht zu fühlen.”

Hello Handmade hat ein feines Manifest des DIY herausgegeben:

Kann man auch kaufen, bei Etsy und Dawanda, als Siebdruck zum Andiewandhängen und Jedentagdranerfreuen.

Vor ein paar Wochen habe ich mit der US-amerikanischen Buchautorin Liz Perle über Frauen und ihr Verhältnis zu Geld gesprochen, das Interview ist jetzt im Magazin Season erschienen, das seit einer Woche am Kiosk liegt. Unter anderem sprachen wir darüber, welche Rollen Frauen und Männern in Sachen Geld zugeschrieben wird und warum der Begriff  “Fürsorge” neu definiert werden muss:

Ein zentraler Satz in Ihrem Buch „Money, A Memoir“ lautet: „Frauen reden mehr über Sex als über ihr Einkommen oder ihre Einkaufsgewohnheiten.“ Warum ist das so?
Dahinter stecken Jahre über Jahre der Abhängigkeit von männlichem Status und männlichem Geld. Und wenn unsere Gesellschaft Frauen immer wieder für ihre Sexyness lobt, Männer dagegen für ihre Fähigkeiten, Geld zu machen, prägt das die Geschlechter. Seit dem Viktorianischen Zeitalter werden Frauen dazu erzogen, Immaterielles stets höher als Geld zu bewerten – oder zumindest so zu tun. Heute können Frauen auch deshalb über Sex sprechen, weil es die sexuelle Befreiung in den 60er Jahren gab. Aber es gab keine „finanzielle Befreiung“, die das Reden über Geld für Frauen okay gemacht hätte.

Auf meine Nachfrage, es habe sich seitdem doch aber einiges getan, erklärte Perle, dass in unserer Gesellschaft männlichen Erfolg immer noch ganz stark mit Geld verbunden sei, während weiblicher Erfolg noch immer über Fürsorge und Attraktivität definiert würde. Sie nannte ein schönes Beispiel für diese unterschiedliche Bewertung: “Jedes Jahr vor dem Valentinstag sehe ich fassungslos die Werbung eines amerikanischen Juweliers: Ein kleines Mädchen schaut sehnsuchtsvoll eine Diamantenkette an, die ihr Vater ihrer Mutter schenkt. Das ist also das Bild, das wir unseren Töchtern mitgeben: Erfolg ist, deinen Mann dazu zu bringen, dir Diamanten zu schenken.” Da sei es nur logisch, dass Frauen auch in den Bereich investierten, von dem sie die höchste Rendite erwarten: ihr Aussehen. In Schuhe, Klamotten, Kosmetikprodukte.

Nun verdient aber mittlerweile jede zehnte Frau mehr als ihr Mann. Merkwürdig, dass solche Veränderungen kaum Einfluss auf die mediale Darstellung von Frauen und Männern haben. Werbeagenturen bedienen offenbar lieber Klischees. Vielleicht fühlen sich Konsumentinnen und Konsumenten auch wohler mit solche eindeutigen und vor allem eindeutig zugeordneten Rollen – wohler, als sich mit den extrem vielfältigen und teilweise auch widersprüchlichen Rollen, die Frauen und Männer im Alltag einnehmen.

Liz Perle sprach dann noch einen sehr spannenden Punkt an, nämlich wie Geld unser Rollenbild verändern könnte: “Viele Frauen müssen plötzlich gut verhandeln, weil sie für ihre Familien sorgen müssen – ein Einkommen reicht doch heute in kaum einer Familie. Das könnte die Regeln neu schreiben und weibliche Fürsorge neu definieren: Wenn Frauen ihre Familien lieben, müssen sie sich für Geld interessieren und versuchen, genug Geld nach Hause zu bringen.”

Das ganze Interview gibt es wie gesagt in der aktuellen Ausgabe von Season, die so aussieht. Und Liz Perles Buch “Money, A Memoir” ist 2006 bei Henry Holt & Company erschienen.

(Kolumne ursprünglich erschienen in der Taz vom 23. April)

Kristina Schröders Werk „Danke, emanzipiert sind wir selber“ wurde auf allen Kanälen besprochen, ich habe es sogar gelesen – von Seite zu Seite mit wachsendem Erstaunen, dass sich da jemand, zumal eine Frauenministerin, mit solcher Verve an einem Klischee abarbeitet, das es so in der Realität gar nicht mehr gibt. Denn Schröder sieht den Feminismus als verbissene Ideologie, als Ansammlung von herrschsüchtigen Frauen, die allen anderen Frauen am liebsten einen Regelkatalog vorlegen würden, nach dem sie zu leben haben. Wann haben Sie zum letzten Mal eine derart stalinistische Feministin getroffen? Ich kenne keine.

Und ich bezweifle sogar, dass es sie in der Masse überhaupt jemals so gab – als Einzelpersonen vielleicht, Fundamentalisten gibt es in jeder Bewegung, aber die Masse der Frauenrechtlerinnen wollte einfach nur: notwendige gesellschaftliche Veränderungen. Dass sie andere, anders Gesinnte damit genervt haben mögen, kann ich mir gut und lebhaft vorstellen. Das ist heute nicht anders. Aber die Karikatur der biestigen Feministin wurde gezeichnet, um Frauenrechtlerinnen lächerlich zu machen und so auch andere Frauen davon abzuhalten, sich selbst diesem Spott auszusetzen.

Eine Ministerin, die sich schon qua Amt mit der Geschichte, den Höhen und Tiefen der Emanzipationsbewegung und ihren Gegnern beschäftigen sollte, müsste genau das eigentlich auch erkennen. Es sei denn, sie will es nicht sehen.

Ironischerweise fühle ich mich nun durch meine Frauenministerin ziemlich bevormundet, schreibt und sagt sie doch: Schluss mit dem Streit! Dabei ist Streit das einzige Mittel, das einem in einer Demokratie immer zur Verfügung stehen sollte. Nur durch Streit entwickelt sich eine Gesellschaft weiter. Was wäre das denn zum Beispiel bitte für ein Verteidigungsminister, der angesichts von Bundeswehreinsätzen und den Diskussionen darüber ein Buch veröffentlichte, dass nun endlich mal Schluss sein müsse mit der Debatte, ob Deutschland an diesem Krieg teilnehmen soll? Und der dieses Buch dann auch noch als rein private Angelegenheit verstanden haben will?

Kristina Schröders Buch wäre nur als Kündigungsschreiben glaubwürdig. In der Realität dagegen sind längst nicht alle Geschlechterfragen geklärt. Und nein: Nicht alle Feministinnen sind Moralterroristinnen. Der Feminismus, den man heute im Alltag begegnet, ist entspannt, streitlustig, kreativ. Er kämpft mit Argumenten, weil Tomatenwerfen heute nicht mehr helfen würde. Moderne Feministinnen schreiben genauso lustig-bissige Blogs, wie sie Petitionen unterschreiben. Sie setzen sich mit Politikerinnen und Politikern genauso zusammen wie mit Schülerinnen, die wissen wollen, warum Jungs mit vielen Freundinnen cool und Mädchen mit vielen Freunden Schlampen sind. Sie streiten für Kitaplätze genauso wie für mehr Väterrechte.

Meinetwegen ist der Feminismus nicht immer cool und nervt manchmal ungemein. Auch mich, wenn auch seltener als, sagen wir mal, die Frauenministerin. Aber vor allem er ist noch immer zu wichtig, als dass man ihn deswegen sein lassen könnte. Und jetzt: Schluss mit der Diskussion.

Dies ist die letzte Folge meiner Taz-Kolumne “Die Farbe Lila”.

Kristina Schröders Buch habe ich auch im Inforadio des RBB, im Tagesgespräch auf Bayern 2 und auf NDR Kultur kommentiert.

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