Allein ihre Aussagen und ihr stets süffisantes Lächeln, mit dem sie auf die Zustandsbeschreibungen des deutschen Sexismus reagierte, waren eigentlich Beweis genug, dass wir da tatsächlich noch ein Problem haben. Wir, das heißt in diesem Fall: die deutsche Gesellschaft. Jedenfalls so lange selbst Frauen der Überzeugung sind, es sei schon okay, im Job vom Vorgesetzten / Kollegen / Gegenüber angegraben zu werden oder einfach auf anzügliche Weise angequatscht. Dass Frauen das eben aushalten müssten, wenn sie sich in die Männerwelt begeben.Bruhns hat mit ihren Statements genau dieses Denken gezeigt: dass sie die Arbeitswelt für die Domäne der Männer hält, in der es eben auch unangenehme Spielregeln gibt, die Frauen nun mal mitspielen müssen – und sich nicht nach übergriffigen Situationen ins Abseits, sprich: in die Opferecke, stellen sollten.
Das mag in Bruhns frühen Berufsjahren der einzig gangbare Weg gewesen sein, doch zwischen damals und heute gab es die Frauenbewegung, die massenhafte Emanzipation der Frauen und ihr genauso massenhafter Eintritt in die Berufswelt. Was alles geändert hat oder alles hätte ändern müssen. Auch die Spielregeln.
Das versuchten die Diskussionsteilnehmerinnen auf Jauchs linker Seite auch klarzumachen: Alice Schwarzer beschrieb genau diese weibliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte. Silvana Koch-Mehrin deutete an, dass sie durchaus ekliges Verhalten von Männern in der Politik erlebt hat und weiß, es an sich abprallen zu lassen, es aber für eine absolute Notwendigkeit hält, dass sich Männer und Frauen im Berufsleben auf Augenhöhe begegnen. Anne Wizorek wiederum machte klar, dass es zum Selbstverständnis junger Frauen gehört und gehören muss, sich nicht schmierig anmachen lassen zu müssen, dass sie von ihrem Gegenüber erwarten dürfen, die Grenze zwischen Geplauder, Flirt und Übergriffigkeit zu kennen.
Hellmuth Karasek, der ebenfalls in der Runde saß, illustrierte Wibke Bruhns Mann-Frau-Verständnis so hübsch wie aggressionsauslösend: Man dürfe doch Sex nicht verbieten, Dirndl seien doch erfunden worden, um Frauen auf den Busen zu schauen, und überhaupt: Wo kämen wir denn hin, wenn die Frauen einfach bestimmen dürften, was sie als sexistisch empfinden? Karasek bewies: Man kann es auch einfach nicht verstehen wollen. Oder schlicht überfordert sein von den Zeiten, in denen sich Frauen tatsächlich als gleichberechtigt verstehen. Karasek gab an diesem Abend die traurigste Figur ab. Man hätte ihn gern an der Hand aus der Runde geführt und in einen gemütlichen Sessel gesetzt, einen Schmöker in die Hand gedrückt.
Noch trauriger war an diesem Sonntag nur noch das vermittelte Männerbild. Wibke Bruhns fand, Männer sind nun mal so und es komme nur auf die Menge Alkohol an, die einer getrunken habe, bevor er anzüglich werde. Und Jauch schritt nicht etwa ein, vielmehr schien er vom Thema / vom Problem kaum weniger überfordert als Karasek, wenn er als Moderator (!) Anne Witzork antippt unf fragt, ob er ihr denn zum Beispiel ein Kompliment für ihr Kleid machen dürfe oder ob das schon sexistisch sei.
Als Showeinlage wäre das eine hübsche Demonstration dessen gewesen, wie ahnungslos (oder darf ich sagen: dumm?) man sich stellen kann, wenn man vom existierenden Sexismus nichts wissen will. Leider war die Frage ernst gemeint.
Die Erkenntnisse des Abends waren vordergründig extrem gering – man konnte vor allem einen zu niedrigen Blutdruck etwas in Schwung bringen. Und doch stand das Gesagte und Gesehene für so vieles, dass jetzt nach und nach und unabhängig vom Fall Brüderle besprochen werden muss. Schön wäre gewesen, hätte Deutschlands wichtigste Talkshow wenigstens den Versuch gemacht, die Dunkelstellen auszuleuchten und die Debatte wirklich anzuschubsen. Während sich Jauch eine Stunde lang offensichtlich unwohl in seiner Rolle als Mann und Moderator wand, wünschte ich mir immer wieder Anne Will auf seinen Stuhl, die der Diskussion allein mit einer gehobenen Augenbraue hätte Beine machen können.





