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Posts Tagged ‘Feminismusdebatte’

Teresa Bücker aka @fraeulein_tessa sprach gestern auf der republica ’14 über „Activist Burnout & Broken Comment Culture“.

 

Sie hat Recht. 30 Minuten lang. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, Aspekte ihres Vortrags aufzugreifen und zu kommentieren. Mädchenmannschaftsgründung. Mädchenmannschaftstrennung. Feministische Debatten. Lange Diskussionen um „Erklär-Bärinnen“ und Kommentarkultur. Fachpublikum vs. breite Masse. Triggerwarnungen. Twitter-Pöbeleien. Wer ist die beste Feministin im ganzen Land?

Im Prinzip wird im Vortrag alles angesprochen, was mir selbst immer wichtiger geworden ist und was ich dem aktuellen Online-Feminismus wünsche: mehr Gelassenheit, mehr Toleranz, jede und jeder macht Fehler, „Communities müssen ihre Unterschiedlichkeit feiern – und nicht ihre Ähnlichkeit“, wie es Teresa formulierte.

Ich schreibe „dem Feminismus wünsche“ und nicht „mir“, weil der feminist burnout schon vor einer Weile über mich hinweg gerollt ist. Was nicht dazu führte, dass ich nun keine feministische Projekte mehr habe, siehe Featurette und Lila Podcast oder auch der kleine Münchner Verein Frauenstudien. Da ist immer noch ein kleines bisschen Glut, denn meine Haltung ist ja immer noch die Gleiche. Doch mit diesem bisschen Glut muss ich haushalten, muss mir genau überlegen, welches Streichholz sich lohnt damit anzuzünden. Dagegen: Für die Mädchenmannschaft habe ich an einigen Tagen von morgens um 7 bis nachts um 2 vor dem Rechner gehangen, geschrieben, am CSS rumgefummelt, Aktionen geplant, Logos gebastelt.

Keep Calm And Go Get A LifeSo traurig mich der Gedanke macht, würde ich das heute für kein noch so wichtiges Projekt mehr machen. Klar, ein Punkt mag sein, dass ich seit meinem Ausstieg aus der Mädchenmannschaft zwei Kinder mehr habe. Aber er ist nicht entscheidend, auch jetzt könnte ich ganze Tage anstatt in meine Erwerbsarbeit in ein Projekt stecken. Nur: zieht mich nicht viel in „den“ momentanen Online-Feminismus, sprich: in die Debatten, die da geführt werden. Eben weil es – wie Teresa in ihrem Vortrag so treffend sagt – so oft um Personen geht anstatt um Akte. Die Frage ist viel zu oft: „WER hat was gesagt?“ anstatt „Wer hat WAS gesagt?“

Ich sehe keinen Grund, warum mich etwas, das mich an Männerrunden stört, nämlich die WER-Frage, an Frauenrunden nicht stören sollte. In diesem Falle spielt das Geschlecht einfach keine Rolle, es nervt IMMER und ist genauso immer kontraproduktiv. Als „Wir Alphamädchen“ erschien, musste ich sehr oft erklären, warum wir nicht über Alleinerziehende geschrieben haben, warum nicht über Transgender, über Frauen, die eine andere Hautfarbe haben als ich, über Muslima, über Behinderte, über lesbische Frauen. Ganz am Anfang dachte ich nur: „Hä?“, weil es mir persönlich fremd ist, jemanden dafür zu kritisieren, was er oder sie nicht getan hat – wenn ich fand/finde, dass es getan werden muss, dann tat/tu ich es halt selber.

Aber ich lernte dazu, dass 2008 eben genau diese Perspektiven im frisch aufkeimenden Feminismus-Diskurs fehlten. Damals wie heute kann ich trotzdem nicht anders auf solche Fragen antworten als: Ich kann nur aus meiner Perspektive sprechen, ich kann mit anderen sprechen, aber würde mir nie anmaßen, über sie zu sprechen. Und bis heute denke ich, dass die feministische Idee, nämlich die Gleichstellung von Frauen und Männern, dann am schnellsten erreicht wird, wenn in jedem Bereich der Gesellschaft, an allen kleineren und größeren Ecken und Enden geschraubt wird. Dass es dafür viele verschiedene Formen braucht, und dass es für alle am meisten Spaß macht, wenn jede die Form findet, die ihr am besten passt.

Deshalb sehe ich immer wieder neidisch z.B. in die USA, die nicht nur eine große feministische Aktivismusszene haben, gerade auch online, sondern wo es auch für Managerinnen, Politikerinnen, Frauen aller Kulturen, Hautfarben, sozialer Schichten, mit und ohne Kinder, ganz normal ist, sich Feministin zu nennen. Also dass da einfach jede ihr Ding macht, so wie sie es eben für richtig hält (und die eine hält nun mal eine Karriere im Kapitalismus für ihr Ding, die andere ihre Leidenschaft für veganes Essen) und ganz nebenbei feministisch ist.

Diese Alltagsfeministinnen fehlen mir in Deutschland als Vorbild sehr schmerzlich. Es gibt sie, ja, aber der breiten Masse sagt vor allem der Name Alice Schwarzer wirklich was. Und sie ist eben: Vollzeitfeministin. Und so steckt in der öffentlichen Wahrnehmung, und leider auch in der Selbstwahrnehmung vieler feministisch engagierter Frauen und Männer die Vorstellung fest, eine echte Feministin, die kämpft rund um die Uhr für Gleichberechtigung. Das ist ihr Ding, ihr Thema.

Nur: Feminismus ist eine Haltung, kein Thema.

Die Themen sind gesellschaftliche Themen, mit feministischer Haltung angepackt, angeschaut, kritisiert, verändert. Deswegen habe ich zuletzt, da es wieder so viele Kämpfe um die Deutungshoheit gibt, wer oder was denn überhaupt feministisch sei, gemerkt, dass dieser Aktivismus nicht meiner ist. Oder vielleicht auch nicht mehr meiner ist. Sechs Jahre nach dem Start der Mädchenmannschaft und dem Alphamädchen-Buch ist die feministische Debatte viel weiter, viel breiter – das ist toll, aber es bedeutet auch, dass die Aufbruchsstimmung weg ist und das Erreichte, nämlich die Aufmerksamkeit für feministische Belange, hart umkämpft wird. Und wer da mitmischen will, kann das nur Vollzeit tun. Wer – wie ich – nur einmal am Tag oder auch nur alle paar Tage gerade mal schafft, Twitter anzuknipsen, kapiert die meisten Diskussionen gar nicht und schafft nicht einmal ansatzweise, sich in die Zusammenhänge und Hintergründe des neuesten Aufregers einzulesen. Diese Zeit habe ich nicht. Diese Zeit haben andere Frauen, gerade die mit den geringsten Privilegien, noch viel weniger.

Also setze ich auf all die Frauen und Männer, die ihr Leben leben und jeden Tag die Welt mit ihren Entscheidungen, ihrem Handeln und Sprechen, ein bisschen besser machen. Weil sie beschließen, keine Diät mehr zu machen. Weil sie der Kollegin einen super Trick aus der letzten Gehaltsverhandlung verraten. Weil sie mit ihren Kindern über Stereotype sprechen. Weil sie an ein Mädchenhaus in Indien spenden. Weil sie sich für ein politisches Amt bewerben. Weil sie ihren schlagenden Mann verlassen. … Das könnte man jetzt endlos weiterspinnen. Es ist ja auch der Alltag, die Welt, da gibt es eine Milliarde Möglichkeiten, feministisch zu sein.

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(Kolumne ursprünglich erschienen in der Taz vom 20. Juni)

Lasst mich in Ruhe!“, forderte Zeit-Redakteurin Ursula März vor Kurzem in einem Essay. „Ein emanzipiertes Subjekt hat keinen Gefallen daran, ohne Unterlass gemustert, beratschlagt, beurteilt, kurzum: gegängelt und bevormundet zu werden“, schrieb sie. Und ich denke mir: Ja, tatsächlich wäre eine Pausetaste für den Geschlechterdiskurs schön.

Feministin zu sein ist nämlich viel zu oft ziemlich scheiße; es ist anstrengend, nervig, frustrierend. Dem Klischee der frustrierten Emanze begegne ich nicht selten – meistens im Spiegel. Aber wie sollten Feministinnen auch nicht frustriert sein, wenn sich doch so ätzend wenig tut in Sachen Gleichberechtigung. Und bitte jetzt kein „Frauen ging es vor hundert Jahren viel schlimmer, es hat sich schon so viel getan“. Ich wills nicht hören, echt nicht. Ich will, dass mein Leben und das Leben von Frauen heute gut ist. Wirklich gleichberechtigt.

Zu allem Überfluss wird über die mit den emanzipatorischen Forderungen immer wieder diskutiert: Ist die überhaupt eine richtige Feministin? Denn: Wer sich Feministin nennt, bekennt sich offenbar nicht einfach nur zu bestimmten Werten, sondern muss sich einem ganzheitlichen Lebenskonzept verschreiben und dieses bitte bis ins verstaubteste Eck ihres Leben einhalten. Sie darf nicht die Stirn krausziehen, wenn die Waage wieder ein Kilo mehr anzeigt. Nicht „Germanys Next Topmodel“ schauen. Sie muss den jüngsten Report von Terre des femmes oder Medica Mondiale lesen, anstatt „Bridget Joness Diary“. So etwas wie gut gepflegte guilty pleasures, die jeder Mensch für ein gesundes Ich braucht, sind für Feministinnen aber tabu – auf weniger als ein perfektes Emanzenleben steht die verbale Steinigung im öffentlichen Diskurs.

Das Schlimmste ist: Die größten Kritiker von Feministinnen sind andere Feministinnen. Zum Erscheinen des Buchs „Wir Alphamädchen“ diskutierten Feministinnen jeglicher Couleur erst einmal, ob ich jetzt tatsächlich und überhaupt eine echte Feministin sei. Die meisten kamen zu dem Schluss: Auf keinen Fall! Zu mainstreamig, zu wellnessig, zu lebenslustig, gut gelaunt, zu leicht verständlich, zu jung – ganz einfach zu unpassend.

Zeit-Redakteurin Ursula März schreibt über Frauen: „Zu erleben, wie sie sich begegnen, sich gegenseitig belauern und bewerten, ist eine deprimierende Erfahrung. Man steht dabei und möchte rufen: Lasst los! Dies, diese Hysterie unfreier und unfreiwilliger Lebensplanwirtschaft, kann mit Feminismus ja wohl nicht gemeint gewesen sein.“ Sie trifft damit mitten in die Problemzone des Feminismus.

Das gegenseitige Belauern der verschiedenen emanzipatorischen Strömungen ist fast schon so etwas wie das Markenzeichen des deutschen Feminismus. – „Entspannt euch!“ will auch ich rufen. Und vor allem: „Ihr werdet doch alle gebraucht.“ Manche gesellschaftliche Missstände werden sich mit Graswurzelarbeit beseitigen lassen, andere durch radikale Protestaktionen. Warum soll es nicht beides geben?

Ich verstehe Ursula März‘ Ruf nach einer Pause im Geschlechterdiskurs gut – aber wenn meine „nur“ sieben Monate Elternzeit dumm kommentiert werden, wenn ich sexistische Werbung sehe oder Familienministerin Kristina Schröder; dann hebt sich meine innere Faust: „Ursula, der Kampf geht weiter.“ Tut mir leid.

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