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Posts Tagged ‘Managerinnen’

In der letzten Sendung des Lila Podcasts sprachen Katrin und ich über unsere feministischen Vorsätze für das Jahr 2014. Mein Vorsatz: feministische Themen anderen Menschen als nur den eh schon überzeugten nahebringen. Denn so schön es ist, nach einem Vortrag viel Zustimmung zu bekommen und Feministinnen und Feministen in ihrem Tun zu bestärken – so deprimierend kann das Gefühl sein, denen sowieso nichts Neues zu erzählen und damit rein GAR NIX an den Blödheiten unserer Welt zu verändern.

Cosmopolitan-Geschichte zum Phänomen der dünnen ManagerinnenHilft nur, so also meine Überlegung: noch viel öfter zu denjenigen sprechen und für diejenigen schreiben, denen Emanzipationsthemen bisher noch nicht viel sagten. Deshalb ist gerade ein Text von mir in der Februar-Cosmopolitan erschienen, Thema: Warum Top-Managerinnen überdurchschnittlich dünn sind.

Statistisch zeigen zwei Studien, dass es tatächlich so ist: Je erfolgreicher Frauen sind, desto dünner sind sie auch. Oder je dünner Frauen sind, desto erfolgreicher sind sie. Man kann die Geschichte von beiden Enden her erzählen. Meine These zu den Ergebnissen der Studie: Es gibt

Stereotype über Frauen und Männer, die wir alle verinnerlicht haben, sei es bewusst oder – und das ist wahrscheinlicher – unbewusst. Diese Stereotype sehen wir täglich in Millionen Bildern, im Fernsehen, Internet, auf Werbeplakaten – wo auch immer erfolgreiche Frauen und Männer dargestellt werden. Er hat Geld und Macht, sie die Haare schön gemacht. Diese Bilder werden unweigerlich im menschlichen Gehirn abgespeichert, in meinem und Ihrem und in denen der Personalverantwortlichen. Und dann sitzen im Vorstellungsgespräch eine üppige und eine drahtige Frau, mit gleicher Qualifikation – klar, wer eingestellt wird. Menschen, die am ehesten den Vorstellungen anderer vom idealen Körperbild entsprechen, werden schneller befördert und verdienen mehr Geld, weil sie mehr Einfluss auf eben jene Menschen haben, deren Ideal sie verkörpern. Ihnen wird unterstellt, sie seien deshalb durchsetzungsstärker.

Laurie Penny macht es kurz: „Wir leben in einer Welt, in der Frauen gesellschaftlich, wirtschaftlich und kulturell bestraft werden, wenn sie sich nicht anstrengen, dünn und hübsch zu sein.“

Den ganzen, für eine Frauenzeitschrift sehr langen Text, kann man gedruckt lesen. (Aktualisierung: Mit freundlicher Genehmigung der Cosmopolitan darf ich ein PDF der Seiten online stellen. Bitte klicken.) Und ich warte mal ab, ob mein guter Vorsatz für 2014 an diesem Punkt irgendwie in Erfüllung geht.

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Es gab eine Revolution. Sie ist allerdings schon an uns vorbeigezogen und auch ohne Tote und Verletzte vonstatten gegangen: Nach neuesten Zahlen sind heute in den Industrieländern die Hälfte aller berufstätigen Menschen Frauen, und das, schreibt das brititische Wochenmagazin Economist, sei die größte gesellschaftliche Umwälzung, die wir in den letzten fünfzig Jahren erlebt haben. Denn „Millionen von Menschen, die vormals abhängig von einem Mann waren, haben ihre wirtschaftlichen Geschicke selbst in die Hand genommen“. Die Euphorie der Economist-Redaktion wurde durch eine Zahl aus dem US-Arbeitsmarkt ausgelöst: Erstmals sind dort 49,9 Prozent aller Erwerbstätigen weiblich, die 50 soll dieses Jahr fallen. Auch in Deutschland ist ein Fortschritt zu sehen, wenn auch ein weniger großer: 1957, als zum ersten Mal in der Bundesrepublik ein Mikrozensus erhoben wurde, lag der Frauenanteil an den Berufstätigen bei 37,3 Prozent, 2008 waren es 45,3 Prozent. Das ist der höchste Wert, den es hierzulande je gab, in der DDR lag der Frauenanteil in den 80er Jahren bei über 49 Prozent – arbeiten zu gehen war hier für Frauen genauso Pflicht wie für Männer.

Die weibliche Revolution auf dem Arbeitsmarkt fällt in Deutschland also ein bisschen bescheidener aus als in den USA, und trotzdem stimmt es auch hierzulande: Frauen haben in den letzten Jahrzehnten alle wirtschaftlichen Bereiche betreten und teilweise erobert. Vor fünfzig Jahren wäre nicht vorstellbar gewesen, dass die Präsenz von Frauen im Berufsleben so normal werden könnte wie es heute der Fall ist: Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen, Ärztinnen, Anwältinnen, Frauen in Hosenanzügen, Frauen mit Aktenkoffern, Frauen, die Teamkonferenzen leiten, Frauen, die Expertinneninterviews geben. Wer sich heute noch über diese Damen wundert, ist ein Narr.

Dort hinzukommen, wo wir heute sind, war ein langer Weg. Frauenrechtlerinnen kämpften schon immer für die finanzielle Selbstständigkeit und Selbstbestimmung von Frauen. Als sich in Deutschland 1865 die Frauenbewegung im Allgemeinen Deutschen Frauenverein erstmals organisierte, war dessen ausdrückliche Aufgabe „die erhöhte Bildung des weiblichen Geschlechts und die Befreiung der weiblichen Arbeit von allen ihrer Entfaltung entgegenstehenden Hindernissen“. 1958 wurden aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch der Bundesrepublik die letzten Passagen gestrichen, in denen Frauen und Männer juristisch ungleich behandelt wurden: das „Letztentscheidungsrecht“ des Mannes, seiner Ehefrau ihren Job zu verbieten genauso wie sein Recht, über das von ihr in die Ehe eingebrachte Vermögen zu entscheiden. Frauen wussten bis dahin und auch noch lange Zeit danach oft gar nicht, wie viel Geld die Familie oder ihr Mann eigentlich auf dem Konto hatte. Doch erst ab 1977 konnten die deutschen Frauen ganz allein über ihren Beruf entscheiden. Mit der Eherechtsreform wurde dem Mann die Möglichkeit genommen, den Job seiner Frau zu kündigen, wenn er das Gefühl hatte, sie vernachlässige Haushalt, Ehe oder Kinder.

Heute wächst fast jedes Mädchen mit der Ermahnung ihrer Mutter auf, eigenes Geld zu verdienen, um unabhängig zu sein. Die meisten Frauen sind heute ganz selbstverständlich berufstätig. Sei es, weil es die ökonomischen Umstände erfordern, oder – wenn die eigene Herkunft und der Bildungsabschluss es erlauben – weil sie von so etwas wie beruflicher Selbstverwirklichung träumen.

Weiblicher Lebensinhalt wird nicht mehr nur auf das Gebären und Umsorgen von Kindern beschränkt, wie es mit aufkommendem Wohlstand das bürgerliche Ideal vorsah. Nun wird auch heute noch Frauen bei der Geburt eines Kindes vom einen oder anderen Verfechter „alter Werte“ nahegelegt, sie solle sich doch ganz dem Kind widmen, da die weibliche Berufstätigkeit ihm schade – man erinnere sich nur an die Debatte, wie sie von Eva Herman und Bischof Walter Mixa geführt wurde. In nicht wenigen durchschnittsdeutschen Köpfen steckt immer noch ganz fest das „Man sollte keine Kinder kriegen, wenn man sie anschließend wegorganisiert, um arbeiten zu gehen.“

Die Freiheit, sowohl einen Beruf auszuüben als auch Kinder haben zu können – eine Freiheit, die für Männer auf der ganzen Welt selbstverständlich ist, ohne dass ihnen daraus ein Rabenvater-Vorwurf gestrickt oder sie deswegen im Beruf als weniger leistungsfähig gelten würden – diese Freiheit wird Frauen in den Industriestaaten auch heute noch nicht uneingeschränkt zugestanden. Sie ist etwas, das Millionen Mütter jeden Tag aufs Neue erkämpfen, wenn sie versuchen, ihren Vorgesetzten klarzumachen, dass sie sich auch als Mutter auf anspruchsvolle Aufgaben konzentrieren können oder wenn sie – viel zu oft auch immer noch ohne die Unterstützung ihrer Partner – versuchen, die Kinderbetreuung zu organisieren.

So weit es die Frauen in unserem Land gebracht haben in ihrem Recht auf einen Beruf und ein eigenes Einkommen: Ihr Pech ist, dass sie ihrer Umwelt Jahrzehnte voraus sind. Die Revolution, die die Frauen da auf dem Arbeitsmarkt losgetreten haben, die haben die Politik, die Unternehmen und nicht zuletzt die Kultur zu großen Teilen verschlafen. Sie haben die Vorhänge zugezogen, die fein bestickten Kissen aufgeschüttelt und so getan, als würde da draußen nichts passieren.

Die Frauen- und Familienpolitik setzt noch immer voraus, dass Frauen die Hauptlast der Familienarbeit schultern. Deswegen gibt es noch immer zu wenige Betreuungsplätze für den Nachwuchs, deswegen gibt es „Vätermonate“ und deswegen gilt es als selbstverständlich, dass ein ganzes Jahr Elternzeit von der Mutter genommen wird. Darunter leidet zwangsläufig die Karriere der Frauen: ihre Chancen auf einen guten Job und auf Beförderungen, ihr Gehalt, ihre Möglichkeiten, auch in Teilzeit Verantwortung zu übernehmen.

Nun könnte etwas Erleichterung von Seiten der Unternehmen kommen, die gerade jetzt, da ihnen die Fachkräfte ausgehen, nicht müde werden zu betonen, dass sie händeringend nach Frauen suchen. Doch die meisten Firmen belassen es bei Parolen und hoffen, an ihrer Unternehmenskultur nicht allzuviel ändern zu müssen – an den Arbeitszeiten, an einer überholten Anwesenheitskultur, an den von männlichen Machtspielchen und Netzwerken dominierten Unternehmensstrukturen. Der Anteil der deutschen Firmen, die sich mit konkreten Maßnahmen für die Gleichstellung ihrer Mitarbeiterinnen einsetzen, liegt seit zehn Jahren konstant bei 13 Prozent, so eine aktuelle Zahl des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Nicht umsonst bleiben Frauen oft in den unteren Hierarchieebenen hängen, nicht umsonst bleiben sie auf schlecht bezahlten und noch schlechter angesehenen Teilzeitstellen hängen. Frauen besetzen in Deutschland 31 Prozent der Führungspositionen, in denen sie dann laut IAB-Studie 33 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen verdienen. Je höher die Entscheidungsebene, desto seltener trifft man auf Frauen. Im Top-Management sind es keine zehn Prozent mehr. Und je größer die Firma, desto öfter bleiben die Männer unter sich. In den Vorständen der 200 größten deutschen Unternehmen sitzen insgesamt 21 Frauen. In den dreißig DAX-Unternehmen ist es nur noch eine. Wenn es heute eine Frau im Berufsleben weit bringt, dann hat sie das in den meisten Fällen nicht wegen der Strukturen in der Arbeitswelt geschafft, sondern sie schafft es trotz dieser.

Es wird Zeit für Politik und Unternehmen, dem Vormarsch der Frauen in großen Schritten zu folgen. Zum Beispiel auch durch gesetzlich verankerte Quoten in den Führungsetagen. Klar wird dann gern auf eben jene erfolgreichen Frauen verwiesen: „Es geht doch! Quoten wären doch eine Beleidigung für die Damen!“ Falsch, sie wären eine Anerkennung ihrer Pionierarbeit. Sie wären der Beweis dafür, dass die männlich besetzten Vorstände und Manageretagen erkannt haben, wie wichtig diese Frauen für ihr Unternehmen sind. Dass sie es sich im Grunde gar nicht leisten könnten, auch nur ein weiteres Jahrzehnt auf diese ambitionierten, klugen, gut ausgebildeten Frauen zu verzichten. Denn: Lassen wir alles wie bisher weiterlaufen, wird es noch weitere fünfzig Jahre brauchen, schätzt der Economist, bis die Umstände endlich so fortschrittlich sein werden wie die Frauen.

(Dieser Text erschien ursprünglich im Freitag.)

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