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Archive for the ‘Alltag’ Category

Haltung statt Posen

geht jetzt nebenan weiter, auf

haltungstattposen.de

Alle Texte, die man hier lesen kann, sind auch dorthin mit umgezogen. Optisch ist zwar auf der neuen Seite noch Luft nach oben, ich arbeite dran. Aber dort wird es ganz ab und zu auch immer mal wieder neue Texte geben, was hier nicht mehr geschehen wird.

Also bis gleich da drüben!

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Vor zwei Wochen druckte der Stern Fotos aus Jade Bealls Buch „The Bodies Of Mothers“. Ich fand die Fotos sehr beeindruckend, denn die strahlen eine schöne Wärme aus, gleichzeitig sind sie ehrlich, sie zeigen die Spuren, die eine Schwangerschaft hinterlassen kann – und die Frauen auf den Fotos erzählen genauso ehrlich, was diese Spuren bei ihnen auslösen. Zum Beispiel das Gefühl, nicht mehr im eigenen Körper zu wohnen. Oder Stolz, so etwas Unglaubliches geschafft zu haben wie ein Kind neun Monate lang wachsen zu lassen. Manche Frauen gehen gelassen mit den Veränderungen um, manche hadern – genau so, wie es wohl einfach ist, wenn man mit Müttern über ihr Körpergefühl nach einer Geburt spricht.

Jade Beall, The Bodies Of Mothers

Diese Woche nun erschienen im Stern drei Leserbriefe zu dieser Fotostrecke, einer von einem Mann, zwei von Frauen.

Der Brief des Lesers:
„Das sind Frauen, die unsere Zukunft mit Schmerzen auf die Welt gebracht haben. Wir brauchen keine Frauen mit Fettabsaugung, Silikonbrüsten und Botoxbehandlung. Die abgebildeten Frauen zeigen das wahre Leben und sind schön anzusehen.“

Vielleicht ein bisschen pathetisch, das mit der Zukunft und so, aber warum nicht – wenn man länger als eine Sekunde über das Ding mit dem Kindermachen und Kinderkriegen nachdenkt, dann ist das auch verdammt faszinierend und großartig und man kann vielleicht auch gar nicht zu pathetisch sein bei diesem Thema.

Dann aber die beiden Briefe der Leserinnen. Mich hat’s fast umgehauen.

Leserin Nr. 1 schreibt:
„Für Geld tut man ja vieles … Ich finde einige dieser Bilder eklig. Mutter und Kind, das Stillen, Intimität, das Besondere – alles weg, alles verdorben. Mal schauen, was die Kinder später dazu sagen.“

Und Leserin Nr. 2:
„Diese Frauen müssen aber zu einer ganz kleinen Minderheit gehören. Ich habe viele Freundinnen mit Kindern und bei keiner einzigen hat sich der Körper so negativ verändert. Ich selber habe meinen Sohn mit 41 bekommen und sah danach besser aus denn je. Dieser Artikel macht nicht gerade Mut, Kinder zu bekommen.“

Die Verachtung, die aus beiden Briefen spricht, finde ich schwer zu ertragen – gerade auch, weil völlig klar ist, dass es die ganz alltägliche Verachtung von Frauen anderen Frauen oder sich selbst gegenüber ist. Die eine unterstellt, das mit den Schwangerschaftsstreifen und Kuschelbäuchen müsse ja nun wirklich nicht sein, wenn man sich nur ordentlich im Griff hat, trainiert, diätet, was weiß ich. Die andere sagt ganz offen, die fotografierten Mütter würden für ’ne schnelle Mark in Kauf nehmen, ihren Kindern psychischen Schaden zuzufügen.

Beide haben kein Problem, ihre Meinungen zusammen mit ihrem vollen Namen im Stern abgedruckt zu sehen, Leserbriefschreiberinnen und -schreiber werden von den Redaktionen stets auf diese Möglichkeit hingewiesen. Vielmehr müssen sie sich in ihrer Haltung so dermaßen sicher fühlen und so ganz und gar blind für ihre Verächtlichkeit sein, dass ich mich einfach nur frage:

Wann haben wir eigentlich aufgehört, anderen Frauen ein Mindestmaß an Respekt entgegenzubringen?

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Das Klischee:
Kompetenz ist männlich. Experten sind männlich. Frauen sind eher für das Gefühl, für ein gutes Miteinander zuständig.

Der Beginn:
Die meisten Frauen werden dazu erzogen, sich zurückzunehmen, nicht bossy aufzutreten. Sie sollen sanft und schön und freundlich sein.

Die Folge:
Viele Frauen, vielleicht sogar die meisten, lernen nicht, dass Selbstdarstellung Spaß machen kann. Genau wie Mitgestaltung, Wettbewerb, lautes Denken. So entstehen keine weiblichen Wolfgang Kubickis, die in jeder zweiten Talkshow sitzen. (Was sicherlich auch sein Gutes hat.) Stattdessen: sitzt da meistens nur eine. Auf Panels, Konferenzen, Tagungen sieht es ähnlich aus. Und so lange das so bleibt, gelten Frauen, die dann doch gern reden und ihre Positionen vertreten, schnell als überehrgeizig und anstrengend. Frauen mit Expertise werden erst dann normal, wenn sie entsprechend oft zu sehen sind.

„Wir haben halt keine passende Frau gefunden.“
Logo Speakerinnen-ListeJa klar. Ehrlicher wäre: Frauen? Wir kennen keine Frauen zu dem Thema. Weil wir, wenn wir nach Kompetenz und Experten suchen, bei den Männern suchen. Und da sind wir wieder beim Klischee. An dem sich nur etwas ändert, wenn Veranstalterinnen, Veranstalter, Redakteurinnen, Redakteure anfangen, ihre Kontakdatenbanken mit Frauennamen aufzufrischen. Und um ihnen, die das in den letzten xzig Jahren nicht hinbekommen haben, dies zu erleichtern, gibt es seit dem 8. März eine feine Datenbank, die Speakerinnen-Liste. Noch nicht einmal eine Woche alt, haben sich bereits über 200 Frauen dort eingetragen. Und schon bei einem kurzen Blick auf die Profile zeigt sich: Diese Frauen haben Ahnung von allem und noch viel mehr, und sie haben Lust, öffentlich darüber zu sprechen. Das muss doch für Organisatorinnen und Organisatoren von Sprechveranstaltungen ein Geschenk sein wie jeden Tag Sahnetorte kostenlos. Oder so.

Keine Ausreden mehr für Panels ohne Frauen.

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Sonntagabend. ARD. Die Frage des Abends lautet „Hat Deutschland ein Sexismusproblem?“ Die der Moderator allerdings im Laufe der Sendung immer wieder gekonnt umschifft. Stattdessen kann man an diesem Abend überraschend viel darüber lernen, was verschiedene Generationen für Emanzipation halten. Denn dort sitzt zu Günther Jauchs Linken Wibke Bruhns, Journalistin Jahrgang 1938, und vertritt vehement die Meinung, als Frau solle man sich nicht so anstellen, nicht freiwillig zum Opfer machen, stattdessen lieber wehren und akzeptieren, dass Männer nun mal so sind. Sie zeichnete als Ideal das, was man früher eine „starke Frau“ genannt hätte.
Allein ihre Aussagen und ihr stets süffisantes Lächeln, mit dem sie auf die Zustandsbeschreibungen des deutschen Sexismus reagierte, waren eigentlich Beweis genug, dass wir da tatsächlich noch ein Problem haben. Wir, das heißt in diesem Fall: die deutsche Gesellschaft. Jedenfalls so lange selbst Frauen der Überzeugung sind, es sei schon okay, im Job vom Vorgesetzten / Kollegen / Gegenüber angegraben zu werden oder einfach auf anzügliche Weise angequatscht. Dass Frauen das eben aushalten müssten, wenn sie sich in die Männerwelt begeben.Bruhns hat mit ihren Statements genau dieses Denken gezeigt: dass sie die Arbeitswelt für die Domäne der Männer hält, in der es eben auch unangenehme Spielregeln gibt, die Frauen nun mal mitspielen müssen – und sich nicht nach übergriffigen Situationen ins Abseits, sprich: in die Opferecke, stellen sollten.
Das mag in Bruhns frühen Berufsjahren der einzig gangbare Weg gewesen sein, doch zwischen damals und heute gab es die Frauenbewegung, die massenhafte Emanzipation der Frauen und ihr genauso massenhafter Eintritt in die Berufswelt. Was alles geändert hat oder alles hätte ändern müssen. Auch die Spielregeln.

Das versuchten die Diskussionsteilnehmerinnen auf Jauchs linker Seite auch klarzumachen: Alice Schwarzer beschrieb genau diese weibliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte. Silvana Koch-Mehrin deutete an, dass sie durchaus ekliges Verhalten von Männern in der Politik erlebt hat und weiß, es an sich abprallen zu lassen, es aber für eine absolute Notwendigkeit hält, dass sich Männer und Frauen im Berufsleben auf Augenhöhe begegnen. Anne Wizorek wiederum machte klar, dass es zum Selbstverständnis junger Frauen gehört und gehören muss, sich nicht schmierig anmachen lassen zu müssen, dass sie von ihrem Gegenüber erwarten dürfen, die Grenze zwischen Geplauder, Flirt und Übergriffigkeit zu kennen.

Hellmuth Karasek, der ebenfalls in der Runde saß, illustrierte Wibke Bruhns Mann-Frau-Verständnis so hübsch wie aggressionsauslösend: Man dürfe doch Sex nicht verbieten, Dirndl seien doch erfunden worden, um Frauen auf den Busen zu schauen, und überhaupt: Wo kämen wir denn hin, wenn die Frauen einfach bestimmen dürften, was sie als sexistisch empfinden? Karasek bewies: Man kann es auch einfach nicht verstehen wollen. Oder schlicht überfordert sein von den Zeiten, in denen sich Frauen tatsächlich als gleichberechtigt verstehen. Karasek gab an diesem Abend die traurigste Figur ab. Man hätte ihn gern an der Hand aus der Runde geführt und in einen gemütlichen Sessel gesetzt, einen Schmöker in die Hand gedrückt.

Noch trauriger war an diesem Sonntag nur noch das vermittelte Männerbild. Wibke Bruhns fand, Männer sind nun mal so und es komme nur auf die Menge Alkohol an, die einer getrunken habe, bevor er anzüglich werde. Und Jauch schritt nicht etwa ein, vielmehr schien er vom Thema / vom Problem kaum weniger überfordert als Karasek, wenn er als Moderator (!) Anne Witzork antippt unf fragt, ob er ihr denn zum Beispiel ein Kompliment für ihr Kleid machen dürfe oder ob das schon sexistisch sei.
Als Showeinlage wäre das eine hübsche Demonstration dessen gewesen, wie ahnungslos (oder darf ich sagen: dumm?) man sich stellen kann, wenn man vom existierenden Sexismus nichts wissen will. Leider war die Frage ernst gemeint.

Die Erkenntnisse des Abends waren vordergründig extrem gering – man konnte vor allem einen zu niedrigen Blutdruck etwas in Schwung bringen. Und doch stand das Gesagte und Gesehene für so vieles, dass jetzt nach und nach und unabhängig vom Fall Brüderle besprochen werden muss. Schön wäre gewesen, hätte Deutschlands wichtigste Talkshow wenigstens den Versuch gemacht, die Dunkelstellen auszuleuchten und die Debatte wirklich anzuschubsen. Während sich Jauch eine Stunde lang offensichtlich unwohl in seiner Rolle als Mann und Moderator wand, wünschte ich mir immer wieder Anne Will auf seinen Stuhl, die der Diskussion allein mit einer gehobenen Augenbraue hätte Beine machen können.

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(Kolumne ursprünglich erschienen in der Taz vom 26. März)

Vor kurzem war ich für eine Veranstaltung in Frankreich, und als ich in Straßburg in den Zug nach Hause stieg, erfasste mich eine fröhliche Leichtigkeit. Ich hatte dort Frauen getroffen, die mich nicht merkwürdig fanden, obwohl ich mit Kind Vollzeit arbeite. Die Französinnen fanden das nicht der Rede wert, eher selbstverständlich, dass ein Kind seine Wochentage mit anderen Kindern und mit Erziehungsprofis verbringt. Die Mütter in meinem erweiterten Freundes- und Bekanntenkreis sehen das zum großen Teil anders.

Komischerweise führe ich mit den gleichen Frauen Gespräche zum Beispiel über die Ungerechtigkeit, dass Frauen im Alter durchschnittlich nur 60 Prozent der Rente beziehen, die ein Mann bekommt. Ich traue mich dann kaum zu sagen, dass das auch daran liegt, dass sie weniger arbeiten und mehr bei den Kindern bleiben als ihre Partner. Und wer im Alter nicht dumm dastehen will, sollte in den Jahrzehnten davor gut für sich sorgen. Das muss nicht zwangsläufig heißen, sich wie ich für die Vollzeitberufstätigkeit entscheiden zu müssen – in Deutschland mit seinem schrägen Mutterbild wird das sowieso nie zur Regel werden.

Aber wenn sich Paare heute gemeinsam dafür entscheiden, dass Er weiter Vollzeit arbeitet und Sie runter auf eine Teilzeitstelle oder sogar einen Minijob geht, sollten diese Frauen dabei auch an ihre Rente denken. Also bitte: Wenn ihr ein solch ungleiches Arrangement trefft, dann lasst euch von eurem Partner gefälligst die Rentenbeiträge zahlen. Männer geben im Durchschnitt zwischen 100 und 200 Euro monatlich in die Rentenkasse, Frauen zwischen 50 und 100 Euro.

Der Deal „Der Mann sorgt fürs Geld, die Frau für die Kinder“ betrifft eben nicht nur das Haushaltsgeld, sondern auch die Rente. Wenn Frauen sich durch für das Allein- oder Zuverdienermodell finanziell von ihren Partnern abhängig machen, wenn sie ihm den Rücken freihalten, sollten sie beim Thema Rente nicht so tun, als seien sie nur WG-Mitbewohnerinnen ihrer Männer und wer weniger verdient, zahlt halt weniger ein. Wenn sich die WG nämlich irgendwann auflöst, fallen diese Frauen durch das neue Unterhaltsrecht ins Bodenlose. Denn der Expartner muss sie jetzt nur noch so lange unterstützen, wie ein Kind unter drei Jahren in ihrem Haushalt lebt und kein Krippenplatz verfügbar ist.

Vor ein paar Wochen, am Internationalen Frauentag, hätte die zuständige Ministerin zwar Themen wie den 60-%-Missstand ansprechen können, aber sie zeichnete lieber zwei „Superväter“ aus. Als könnten einzelne Superpapas das Ungleichgewicht zwischen Frauen und Männern beseitigen. Bei den meisten Beziehungen bleibt es dabei: Wenn Kinder kommen, pausieren Frauen im Job, und wenn jemand in der Familie pflegebedürftig wird, kümmern sich die Frauen. Die Bundesregierung gibt zwar zu, dass Altersarmut die Folge unterbrochener Erwerbsbiografien ist und dass ihr oberstes Politikziel eine dauerhafte Erwerbstätigkeit sei. Aber die Familienministerin ermuntert Paare trotzdem, bei diesen – natürlich ganz privaten – Entscheidungen das Alleinverdienermodell zu wählen, indem sie den Frauen 150 Euro Betreuungsgeld verspricht und am Ehegattensplitting festhält.

Klar, 150 Euro kommen den Staat billiger als ein Krippenplatz. Und dass es später mal ein Problem geben könnte – nun ja, das ist eben später.

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