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Posts Tagged ‘Werbescheiß’

(Kolumne ursprünglich erschienen in der Taz vom 30. Januar)

Cellulite tut nicht weh. Sie stört nicht beim Laufen, auch nicht beim Kochen oder Fallschirmspringen. Sie riecht nicht. Sie schreit nicht.

98 von 100 Frauen auf dieser Welt haben Cellulite.

Klingt schockierend, als würde man sagen: So gut wie alle Menschen haben Diabetes. Da muss man doch was tun! Der Trick ist das Wort Cellulite. Klingt fast so wie Cellulitis (und wird gerne auch fälschlicherweise so bezeichnet), die bakterielle Entzündung des Unterhautgewebes. Die man nur loswird, indem man eine Menge Antibiotika schluckt.

Ein Marketingcoup ohne Vergleich also die „Erfindung“ von Cellulite Anfang der 70er: Eine französische Ernährungsberaterin warb mit deren Behandlung, ungefähr zur gleichen Zeit warnte auch eine New Yorker Kosmetikerin, man müsse dieser „Kombination aus Fett, Wasser und toxischen Abbauprodukten Einhalt“ gebieten. Ihre Definition der Cellulite ist wissenschaftlich gesehen: Quark.

Zwei Frauen auf zwei Kontinenten entschieden sich also zur etwa gleichen Zeit dafür, dass Frauenkörper nicht mehr aussehen durften, wie sie aussahen, sondern dass da dringend was getan werden müsse.

Exkurs Frauenkörperkunde: Weibliche Lederhaut ist weicher als männliche. Vor allem, weil sie eine schöne dicke Fettschicht hat. Kollagenfasern halten das alles zusammen und sind bei Frauen anders aufgebaut als bei Männern, weswegen die ziemlich selten Cellulite bekommen. Nur könnte sich deren Haut auch nicht mehrmals im Leben so dehnen, dass eine Riesenmelone darunter Platz hat.

Die Natur hat sich also durchaus was dabei gedacht, als sie die Kollagenfasern von Frauen parallel nebeneinander stapelte, anstatt sie zu einem dichten Netz zu flechten, wie sie es bei Männerhaut tat. Sie hat ganz offenbar nur nicht damit gerechnet, damit optische Schwierigkeiten auszulösen.

Natürlich kann man niemanden daran hindern, seine Freizeit und sein Vermögen in den Kampf gegen etwas völlig Normales zu stecken. Geschätzte 6 Milliarden Dollar geben Frauen weltweit jedes Jahr für Anti-Cellulite-Behandlungen aus, für Cremes und Öle, für Massagen, für Bauch-Beine-Po-Programme, chirurgische Eingriffe und absurde Folterinstrumente.

Die US-amerikanische Autorin Valerie Monroe machte den Selbsttest, eine Laserbehandlung, die angeblich gegen Cellulite helfen soll, und schrieb darüber. „Die Wahrheit ist: Ich wollte an mir herunterschauen und meinen Hintern am Tag meines Abschlussballs sehen. […] Zweimal pro Woche rollte eine junge Dame eine Maschine, die aussah wie R2D2, über meinen Hintern und meine Oberschenkel. Es fühlte sich an, als würde jemand meinen Arsch staubsaugen.“

Wissenschaftler lachen sich über die von Anti-Cellulite-Tees und -Tabletten versprochene „Entschlackung“ kaputt. Was die Käuferinnen nicht interessiert. Apropos: Ich schwöre Ihnen, wenn Sie diese Kolumne ausdrucken, fest auf die befallenen Stellen pressen und zweimal den Erlkönig aufsagen, einmal vorwärts und einmal rückwärts, erzielen Sie so hervorragende Effekte wie mit einem Eimer überteuerter Creme.

Ich stelle diesen Text auch gerne noch einmal per Post zu – gegen ein kleines Entgelt, versteht sich. Glauben Sie mir, er hilft gegen diese Dellen im Hirn Hintern.

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Nächste Woche wird das Thema in den Schaufenstern der Kaffeerösterei Tchibo „Putz-Helfer“ sein. Online kann man jetzt schon mal sehen, wie viel Spaß Hausarbeit machen kann – wenn man nur die schönen Putzutensilien von Tchibo benutzt.

Und: wenn man eine Frau ist. Ein Mann kommt in der Werbestrecke nicht vor – klar, Putzen ist ja auch Frauensache. Damit all die Staubbürsten, Handkehrer und Fensterwischer deren Herzen auch wirklich zum Klopfen bringen, wurden sie von den Tchibo-Designern in Pink und Türkis gestaltet.

Und außerdem: Die Produkte machen doch alles so „leicht“, „schön“ und „mühelos“, da soll sich noch mal eine Frau über das bisschen Haushalt beschweren. Schau doch nur, wie entspannt und gut gelaunt das Werbemodell mit ihren rosa Handschuhen und der pinken Fliesenbürste („reinigt gründlich und effektiv“, für nur 4,99 Euro!) auf dem Fußboden sitzt und die schönen Fliesen vom Schmutz befreit, den die Drecksfamilie mal wieder hinterlassen hat. So eine Saubande aber auch!

So sieht ein glückliches Frauenleben aus.

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Zufällig bin ich im Internet auf diese Anzeige des Klamotten-Herstellers Tally Weijl gestoßen:

tally_weijl
Wäre der Claim „Totally bescheuert!“ nicht vielleicht der passendere?

Mein erster Gedanke war: Uärks. Schon wieder so eine hirnlose Werbung der Schweizer Billigschneiderei. “Liebe mich, ich bin doch so hübsch angezogen!” ist die – vermutlich wie alles heute irgendwie ironisch gebrochene – Botschaft, die für Umsatz sorgen soll. Und diese Botschaft ist so jenseits von Gut und Böse, dass mich mein zweiter Gedanke richtig überraschte:

Würde man das Firmenlogo entfernen und das Bild zwischen Arbeiten von Cindy Sherman in einer Galerie hängen, gefiele es mir außerordentlich gut! Ich fände es witzig. Pointiert. Wahr.

So scheint Ironie die Ironie der Ironie zu ironisieren. Oder so.

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Diese Anzeige auf der hinteren Umschlagseite des letzten New Yorker hat mich in ihren Bann geschlagen:

Für die Kurzsichtigen unter uns: Da steht “A Tiffany Celebration Ring captures your feelings, for all time”

Und da fangen die Fragen schon an: Wo genau ist der Zusammenhang zwischen Ring und Baby? Soll der Ring die Mutter daran erinnern, dass sie sich über das Baby freut – oder mal gefreut hat? Oder dass sie überhaupt ein Kind hat (ist ja schnell mal an der Obsttheke vergessen)? Braucht man einen Ring, um der Welt zu zeigen, dass man eine liebende Mutter ist? Stehe ich dem Prinzip des endlosen Konsums zu kritisch gegenüber, wenn ich waghalsig behaupte, man kann sich auch ohne Diamantring an seine Gefühle erinnern?

Oder ging hier einfach was bei Photoshop schief und statt des Babys sollte dort eigentlich der Mann in den Armen der Frau liegen, der ihr diesen Ring zur Verlobung / Eheschließung resp. zum Valentinstag / einfach aus Bock geschenkt hat? (Wobei auch das wieder ähnliche Fragen wie oben aufwerfen würde.)

Ich steig nicht durch. Helft mir.

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Kann mir mal bitte jemand den Claim SCHÖNHEIT IST FREIHEIT aus dem neuen Nivea-Werbespot erklären?

Danke.

Online (siehe Screenshot) behauptet Nivea sogar noch, Schönheit sei Sehnsucht, Glück, Liebe, sogar Leben undsoweiter undsofort mit diesem Quark. Im TV läuft auch noch ein Spot mit “Schönheit ist Selbstbewusstsein.” Also, wenn Schönheit so ein Allround-Talent ist, sollte man es vielleicht in praktischen 100-Gramm-Portionen zu überhöhten Preisen verkaufen.

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