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Posts Tagged ‘Vorbilder’

(Kolumne ursprünglich erschienen in der Taz vom 5. Dezember)

Seit Tagen liege ich als Matsch im Bett und warte darauf, gesund zu werden. Gestern ging es endlich bergauf, denn ich hatte unterhaltsame Lektüre: Den Vorschaukatalog des Piper-Verlags, in dem für April Kristina Schröders erstes Buch angekündigt wird. “Danke, emanzipiert sind wir selber!” heißt es. Sollte ich im April wieder krank sein, werde ich es mir kaufen; man hört doch ständig, Lachen sei die beste Medizin.

Schon der Vorschautext bringt das Zwerchfell zum Vibrieren: “Frauen sollen endlich frei entscheiden können, wie sie leben wollen”, steht dort. Angesichts ihres bisherigen Versagens im Kampf gegen fehlende Krippenplätze, unflexible Unternehmen und den deutschen Muttermythos ist dieser Satz von unserer Familien- und Frauenministerin schon reichlich – nun ja: interessant.

Klar sollen wir Frauen uns endlich frei entscheiden können. Nur: Was hat Schröder damit zu tun? Und dann gehts los. Erst mal schön provozieren, damit sich die 50.000 Bücher der ersten Auflage zackig verkaufen: “Feministinnen wie Alice Schwarzer und Strukturkonservative wie Eva Herman haben eines gemeinsam: Sie wissen genau, wie das richtige Frauenleben auszusehen hat. ,Hört auf damit!’, sagt Kristina Schröder. “Wir brauchen keine Rollendiktate.’”

Mal kurz nachdenken: Welches Frauenleben subventioniert die Politik noch mal? Es gibt das Ehegattensplitting und es soll in Zukunft hundert Euro Begrüßungs-, ach nein, Betreuungsgeld für Frauen geben, die für den Nachwuchs ihren Job aufgeben. Oder aufgeben müssen, weil das Kind, leider leider, keinen Betreuungsplatz bekommen hat oder weil der Platz mehr kostet als über eine Teilzeitstelle finanzierbar wäre.

Hm, eigentlich wären das doch auch Baustellen für eine Familienministerin. Vielleicht führt ja Schröders Biografie zu mehr Empathie? Die Werbung für ihr Buch macht klar: Nö. “Kristina Schröder hat Karriere gemacht und gerade ein Kind bekommen. Steht sie deshalb für ein Leitbild, an dem junge Frauen sich orientieren sollen? Nein, sagt sie, die Frauen von heute brauchen keine Leitbilder!”

Na gut, verrät uns wieder niemand, wie das mit Kind, Job, Liebe und Leben eigentlich hinhauen soll, erst recht nicht die zuständige Ministerin. Und, ähem, ich fände ein paar neue Leitbilder eigentlich ganz schön. Das einzige momentane Leitbild, die deutsche Supermutter, geht mir nämlich gewaltig auf die Nerven.

Am Ende des Piper-Vorschautextes suchte ich vergebens nach einem Ironie-Hinweis und wartete kurz, ob sich so etwas wie Verstehen bei mir einstellen wollte. Vielmehr musste ich lachen. Es ist ja auch zu absurd: Die meint das ernst. Klar, die meint ja auch die Herdprämie ernst. Ein Wort, bei dem ich immer nur mit dem Kopf auf die Tischplatte hauen möchte – was allerdings meinen gesundheitlichen Zustand eher verschlechtern würde. Und daran habe gerade kein Interesse.

Also lache ich lieber weiter und wünsche mir ganz ganz fest, dass Schröders Wahlfreiheit auch mich ereilt, vielleicht in Gestalt einer Zusage für einen Krippenplatz. Möglicherweise hilft Wünschen doch. Ist ja bald Weihnachten.

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(Kolumne ursprünglich erschienen in der Taz vom 20. Juni)

Lasst mich in Ruhe!”, forderte Zeit-Redakteurin Ursula März vor Kurzem in einem Essay. “Ein emanzipiertes Subjekt hat keinen Gefallen daran, ohne Unterlass gemustert, beratschlagt, beurteilt, kurzum: gegängelt und bevormundet zu werden”, schrieb sie. Und ich denke mir: Ja, tatsächlich wäre eine Pausetaste für den Geschlechterdiskurs schön.

Feministin zu sein ist nämlich viel zu oft ziemlich scheiße; es ist anstrengend, nervig, frustrierend. Dem Klischee der frustrierten Emanze begegne ich nicht selten – meistens im Spiegel. Aber wie sollten Feministinnen auch nicht frustriert sein, wenn sich doch so ätzend wenig tut in Sachen Gleichberechtigung. Und bitte jetzt kein “Frauen ging es vor hundert Jahren viel schlimmer, es hat sich schon so viel getan”. Ich wills nicht hören, echt nicht. Ich will, dass mein Leben und das Leben von Frauen heute gut ist. Wirklich gleichberechtigt.

Zu allem Überfluss wird über die mit den emanzipatorischen Forderungen immer wieder diskutiert: Ist die überhaupt eine richtige Feministin? Denn: Wer sich Feministin nennt, bekennt sich offenbar nicht einfach nur zu bestimmten Werten, sondern muss sich einem ganzheitlichen Lebenskonzept verschreiben und dieses bitte bis ins verstaubteste Eck ihres Leben einhalten. Sie darf nicht die Stirn krausziehen, wenn die Waage wieder ein Kilo mehr anzeigt. Nicht “Germanys Next Topmodel” schauen. Sie muss den jüngsten Report von Terre des femmes oder Medica Mondiale lesen, anstatt “Bridget Joness Diary”. So etwas wie gut gepflegte guilty pleasures, die jeder Mensch für ein gesundes Ich braucht, sind für Feministinnen aber tabu – auf weniger als ein perfektes Emanzenleben steht die verbale Steinigung im öffentlichen Diskurs.

Das Schlimmste ist: Die größten Kritiker von Feministinnen sind andere Feministinnen. Zum Erscheinen des Buchs “Wir Alphamädchen” diskutierten Feministinnen jeglicher Couleur erst einmal, ob ich jetzt tatsächlich und überhaupt eine echte Feministin sei. Die meisten kamen zu dem Schluss: Auf keinen Fall! Zu mainstreamig, zu wellnessig, zu lebenslustig, gut gelaunt, zu leicht verständlich, zu jung – ganz einfach zu unpassend.

Zeit-Redakteurin Ursula März schreibt über Frauen: “Zu erleben, wie sie sich begegnen, sich gegenseitig belauern und bewerten, ist eine deprimierende Erfahrung. Man steht dabei und möchte rufen: Lasst los! Dies, diese Hysterie unfreier und unfreiwilliger Lebensplanwirtschaft, kann mit Feminismus ja wohl nicht gemeint gewesen sein.” Sie trifft damit mitten in die Problemzone des Feminismus.

Das gegenseitige Belauern der verschiedenen emanzipatorischen Strömungen ist fast schon so etwas wie das Markenzeichen des deutschen Feminismus. – “Entspannt euch!” will auch ich rufen. Und vor allem: “Ihr werdet doch alle gebraucht.” Manche gesellschaftliche Missstände werden sich mit Graswurzelarbeit beseitigen lassen, andere durch radikale Protestaktionen. Warum soll es nicht beides geben?

Ich verstehe Ursula März’ Ruf nach einer Pause im Geschlechterdiskurs gut – aber wenn meine “nur” sieben Monate Elternzeit dumm kommentiert werden, wenn ich sexistische Werbung sehe oder Familienministerin Kristina Schröder; dann hebt sich meine innere Faust: “Ursula, der Kampf geht weiter.” Tut mir leid.

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