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Posts Tagged ‘Schönheit’

Am 15. Oktober 2014 war ich in Linz und habe im Wissensturm der VHS einen Vortrag gehalten, der da hieß: “Schönheit als Leistung. Selbstinszenierung und gesellschaftliche Anerkennung”. Da Linz ja nicht für jede und jeden um die Ecke liegt, ist es besonders erfreulich, dass es den Vortrag auch als Videomitschnitt gibt. Der Vortrag beginnt zirka bei Minute 4 und ist eine knappe Stunde lang.

 

Für Eilige der Vortrag in 15 Thesen:

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der schlanke, sportliche Körper Leistungsfähigkeit signalisieren.
Allerdings gilt dies vor allem für Frauen: Sie gelten dann als erfolgreich, wenn sie ihren Körper unter Kontrolle haben.
Schon ab der Geburt unterstellen wir Mädchen, dass sie passiv sind und Jungen, dass sie aktiv sind.
Entsprechend werden kleine Mädchen wie Accessoires herausgeputzt und sie lernen, dass sie hübsch sein sollen.
Weibliche Vorbilder sind vor allem Schauspielerinnen, Sängerinnen, Models und die sind dünn, schön, begehrt.
Bei jungen wie alten Frauen entsteht das Gefühl: Wenn ich endlich ein paar Kilo abnehmen würde, wäre mein Leben besser/glamouröser, eben wie bei den Schauspielerinnen-Sängerinnen-Models.
Ein erschreckend großer Teil der Medien (Gossip-Blogs, TV-Starmagazine, Yellow Press) verdient damit Geld, diesen Stars zu attestieren, dass sie so gar nicht gehen (weil zu fett oder zu dürr) oder dass sie die supererfolgreichste Körperarbeit betreiben – und setzen damit die Standards, wie Frauenkörper auszusehen haben.
Die Unterstellung: Frauen, die “zu dick” oder “zu unattraktiv” sind, verschenken ihre Potenziale, haben sich nicht im Griff (“die müsste doch nur mal …”).
Frauen wie Männer sind ehrgeizig, doch weil weiblicher beruflicher Ehrgeiz noch vielfach sanktioniert wird (“karrieregeil”, “Rabenmutter”), tragen Frauen ihre Wettkämpfe im Privaten / an ihren Körpern aus.
Kein Frauenkörper ist je in Ordnung, es kann immer noch was gemacht werden: Damit verdienen Frauenzeitschriften ihr Geld.
Frauen, die mit ihren Körpern zufrieden sind, sind verdächtig.
Das Ideal wird von gephotoshoppten Bildern vorgegeben und obwohl die meisten Frauen wissen, dass es diese Körper nicht gibt, wollen sie genau so aussehen.
Junge Frauen orientieren sich an immer enger werdenden weiblichen Idealen, was als Folge einer Überforderung durch die Unendlichkeit der Wahlmöglichkeiten gesehen werden kann.
Körperkontrolle verleiht Machtgefühle, die gerade in Zeiten vielfacher globaler Machtlosigkeit angenehm sein können, und sie führt zielsicher zu Bestätigung, vom Kompliment bis zur besseren Bezahlung.
Wie Susie Orbach sagt: Es würde helfen, wenn unsere Körper mal wieder etwas tun und nicht nur sind, weil wir nur so die ungesunde Fixierung auf unser Äußeres überwinden können und auch Leistungen neu bewerten würden.

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(Kolumne ursprünglich erschienen in der Taz vom 30. Januar)

Cellulite tut nicht weh. Sie stört nicht beim Laufen, auch nicht beim Kochen oder Fallschirmspringen. Sie riecht nicht. Sie schreit nicht.

98 von 100 Frauen auf dieser Welt haben Cellulite.

Klingt schockierend, als würde man sagen: So gut wie alle Menschen haben Diabetes. Da muss man doch was tun! Der Trick ist das Wort Cellulite. Klingt fast so wie Cellulitis (und wird gerne auch fälschlicherweise so bezeichnet), die bakterielle Entzündung des Unterhautgewebes. Die man nur loswird, indem man eine Menge Antibiotika schluckt.

Ein Marketingcoup ohne Vergleich also die “Erfindung” von Cellulite Anfang der 70er: Eine französische Ernährungsberaterin warb mit deren Behandlung, ungefähr zur gleichen Zeit warnte auch eine New Yorker Kosmetikerin, man müsse dieser “Kombination aus Fett, Wasser und toxischen Abbauprodukten Einhalt” gebieten. Ihre Definition der Cellulite ist wissenschaftlich gesehen: Quark.

Zwei Frauen auf zwei Kontinenten entschieden sich also zur etwa gleichen Zeit dafür, dass Frauenkörper nicht mehr aussehen durften, wie sie aussahen, sondern dass da dringend was getan werden müsse.

Exkurs Frauenkörperkunde: Weibliche Lederhaut ist weicher als männliche. Vor allem, weil sie eine schöne dicke Fettschicht hat. Kollagenfasern halten das alles zusammen und sind bei Frauen anders aufgebaut als bei Männern, weswegen die ziemlich selten Cellulite bekommen. Nur könnte sich deren Haut auch nicht mehrmals im Leben so dehnen, dass eine Riesenmelone darunter Platz hat.

Die Natur hat sich also durchaus was dabei gedacht, als sie die Kollagenfasern von Frauen parallel nebeneinander stapelte, anstatt sie zu einem dichten Netz zu flechten, wie sie es bei Männerhaut tat. Sie hat ganz offenbar nur nicht damit gerechnet, damit optische Schwierigkeiten auszulösen.

Natürlich kann man niemanden daran hindern, seine Freizeit und sein Vermögen in den Kampf gegen etwas völlig Normales zu stecken. Geschätzte 6 Milliarden Dollar geben Frauen weltweit jedes Jahr für Anti-Cellulite-Behandlungen aus, für Cremes und Öle, für Massagen, für Bauch-Beine-Po-Programme, chirurgische Eingriffe und absurde Folterinstrumente.

Die US-amerikanische Autorin Valerie Monroe machte den Selbsttest, eine Laserbehandlung, die angeblich gegen Cellulite helfen soll, und schrieb darüber. “Die Wahrheit ist: Ich wollte an mir herunterschauen und meinen Hintern am Tag meines Abschlussballs sehen. […] Zweimal pro Woche rollte eine junge Dame eine Maschine, die aussah wie R2D2, über meinen Hintern und meine Oberschenkel. Es fühlte sich an, als würde jemand meinen Arsch staubsaugen.”

Wissenschaftler lachen sich über die von Anti-Cellulite-Tees und -Tabletten versprochene “Entschlackung” kaputt. Was die Käuferinnen nicht interessiert. Apropos: Ich schwöre Ihnen, wenn Sie diese Kolumne ausdrucken, fest auf die befallenen Stellen pressen und zweimal den Erlkönig aufsagen, einmal vorwärts und einmal rückwärts, erzielen Sie so hervorragende Effekte wie mit einem Eimer überteuerter Creme.

Ich stelle diesen Text auch gerne noch einmal per Post zu – gegen ein kleines Entgelt, versteht sich. Glauben Sie mir, er hilft gegen diese Dellen im Hirn Hintern.

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Ein Video und drei schnelle Lesetipps des vergangenen Monats:

Eins: “The Colour of Beauty” von Elizabeth St.Philip erzählt vom Rassismus in der Modeindustrie, davon wie schwer es dunkelhäutige Models haben, wenn die meisten Firmen weiße Frauen als Standard ansehen und dunkle Models nur dann buchen, wenn sie aussehen “wie Weiße in Schokolade getaucht”.

Zwei: Matthew Evans fragt im Freitag: “Und was tragen wir morgen?” Er kommentiert die verzweifelte Suche nach Modetrends mit dem schönen Satz “Mut ist nicht mehr besonders rebellisch, wenn er schon sieben Monate vorher vorprogrammiert wurde.”

Drei: Das Ms Magazine stellt der US-Modekette Forever21 die Frage, ob sie nicht mit ihrer Umstandsmodelinie Teenagerschwangerschaften als etwas Normales oder sogar Schickes propagiert.

Vier: Eine Abrechnung zum kulturellen Einfluss von Barbie:

While it is true that Barbie is more complex than the Bratz (the googly-eyed dolls with a “passion for fashion”) and has had at least 125 jobs over the last half-century (…) Barbie is not defined by her career (…). She is a timeless beautyicon. Period.

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(Kolumne ursprünglich erschienen in der Taz vom 19. Juli)

Im Laufe der letzten Woche wurde es unvorstellbar, das Wochenende ohne Besuch am See überleben zu können. Ich brauchte dringend einen neuen Bikini, mein alter ist zehn Jahre alt. Also ging ich in eine Bademodenabteilung und versuchte, einen Bikini zu kaufen. Bei dem Versuch blieb es, ich ging ohne Bikini wieder nach Hause. Dabei habe ich keinen ausgefallenen Geschmack oder überzogene Preisvorstellungen. Ich habe nur nicht den Wunsch, meinem Busen eine Rundumabdichtung zu verpassen – gewappnet gegen Gefahren jeder Art, die am See auf mich warten.

Aber das scheint das Ziel der Bademodendesigner zu sein: meine Brüste zu beschützen. Warum sonst gäbe es nur noch dick gepolsterte Bikinioberteile?

Oder Büstenhalter. Auch hier das gleiche Bild, zum Beispiel im Prospekt, der mir ein paar Tage später aus der Zeitung entgegenflattert. Wir starren uns gegenseitig an: die gepolsterten Brüste mich und ich sie. Stramm stehen sie da, durch die unveränderliche Form der Schalen, wie eine Armee. Und neben den Dekolletés der Models steht die Erklärung für die Erfindung gepolsterter Unterwäsche: Es geht nicht um Schutz, sondern darum, etwas  „unsichtbar“ zu machen. Wer sich das Wort „T-Shirt-BH“, das dort auch noch steht, ausgedacht hat, sollte mit einem solchen geknebelt werden, der Erfinder von „unsichtbar“ für seine Doofheit gleich mit. Ein unsichtbarer BH wäre: kein BH.

Deswegen kann diese Erfindung nur heißen: Irgendjemand hat ein Problem mit Brüsten, wie die Natur sie wachsen lässt. Weibliche Nippel sollen unsichtbar werden. Und in wattierte Förmchen eingepackt, wird die weibliche Brust normiert. Kleine, große, spitze, hängende, runde, schiefe, lustige oder flache Brüste sieht man immer weniger. Mit T-Shirt-BH sieht jede Brust, die einem auf der Straße entgegenkommt, gleich aus: fest, rund und mittelgroß. So wird Frauen wieder mal eingeredet, das, was sie schon haben, sei nicht ganz so super wie das, was sie haben können. Und ihnen wird auch eingeredet, auf keinen Fall dürfe man unter dem T-Shirt „etwas“ sehen. Ein T-Shirt-BH muss her, denn egal ob normaler BH oder kein BH, so lange keine Watteschicht eingebaut ist und auch nur ein kleiner Wind weht, sieht man bei Brüsten Nippel. Bei Frauen wie bei Männern.

Die Skandalisierung von Nippeln will nur so gar nicht in unsere Zeit passen, in der einem täglich aus Werbeanzeigen weibliche Brüste entgegen springen. „Brustwarzen scheinen nur okay zu sein, wenn mit ihnen etwas verkauft werden kann“, sage ich zu meiner Freundin P. Sie scheint sich auch schon ihre Gedanken über die Keuschheitsunterwäsche gemacht zu haben und verkündet in ihrer radikalen Art: „Kopftücher verbieten wollen, aber Watte-BHs herstellen!“ Ich schaue sie fragend an. „Na ist doch wahr. Das Gekreische um Kopftücher und verhüllte Frauen wird immer hysterischer, Freiheit und so. Und dann soll eine Brustwarze unterm Pullover plötzlich ein Problem sein?“

Vielleicht braucht es mehr denn je BH-verbrennende Feministinnen. Auch wenn die immer nur ein Symbolbild waren, gefällt mir die Vorstellung, dieses Bild mal Realität werden zu lassen. Für die Brüste dieser Welt zum Streichholz zu greifen.

Die Frage bleibt aber trotzdem: Woher kriege ich jetzt den Bikini?

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Zufällig bin ich im Internet auf diese Anzeige des Klamotten-Herstellers Tally Weijl gestoßen:

tally_weijl
Wäre der Claim “Totally bescheuert!” nicht vielleicht der passendere?

Mein erster Gedanke war: Uärks. Schon wieder so eine hirnlose Werbung der Schweizer Billigschneiderei. “Liebe mich, ich bin doch so hübsch angezogen!” ist die – vermutlich wie alles heute irgendwie ironisch gebrochene – Botschaft, die für Umsatz sorgen soll. Und diese Botschaft ist so jenseits von Gut und Böse, dass mich mein zweiter Gedanke richtig überraschte:

Würde man das Firmenlogo entfernen und das Bild zwischen Arbeiten von Cindy Sherman in einer Galerie hängen, gefiele es mir außerordentlich gut! Ich fände es witzig. Pointiert. Wahr.

So scheint Ironie die Ironie der Ironie zu ironisieren. Oder so.

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