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Posts Tagged ‘Germany’s Next Topmodel’

(Kolumne ursprünglich erschienen in der Taz vom 20. Juni)

Lasst mich in Ruhe!”, forderte Zeit-Redakteurin Ursula März vor Kurzem in einem Essay. “Ein emanzipiertes Subjekt hat keinen Gefallen daran, ohne Unterlass gemustert, beratschlagt, beurteilt, kurzum: gegängelt und bevormundet zu werden”, schrieb sie. Und ich denke mir: Ja, tatsächlich wäre eine Pausetaste für den Geschlechterdiskurs schön.

Feministin zu sein ist nämlich viel zu oft ziemlich scheiße; es ist anstrengend, nervig, frustrierend. Dem Klischee der frustrierten Emanze begegne ich nicht selten – meistens im Spiegel. Aber wie sollten Feministinnen auch nicht frustriert sein, wenn sich doch so ätzend wenig tut in Sachen Gleichberechtigung. Und bitte jetzt kein “Frauen ging es vor hundert Jahren viel schlimmer, es hat sich schon so viel getan”. Ich wills nicht hören, echt nicht. Ich will, dass mein Leben und das Leben von Frauen heute gut ist. Wirklich gleichberechtigt.

Zu allem Überfluss wird über die mit den emanzipatorischen Forderungen immer wieder diskutiert: Ist die überhaupt eine richtige Feministin? Denn: Wer sich Feministin nennt, bekennt sich offenbar nicht einfach nur zu bestimmten Werten, sondern muss sich einem ganzheitlichen Lebenskonzept verschreiben und dieses bitte bis ins verstaubteste Eck ihres Leben einhalten. Sie darf nicht die Stirn krausziehen, wenn die Waage wieder ein Kilo mehr anzeigt. Nicht “Germanys Next Topmodel” schauen. Sie muss den jüngsten Report von Terre des femmes oder Medica Mondiale lesen, anstatt “Bridget Joness Diary”. So etwas wie gut gepflegte guilty pleasures, die jeder Mensch für ein gesundes Ich braucht, sind für Feministinnen aber tabu – auf weniger als ein perfektes Emanzenleben steht die verbale Steinigung im öffentlichen Diskurs.

Das Schlimmste ist: Die größten Kritiker von Feministinnen sind andere Feministinnen. Zum Erscheinen des Buchs “Wir Alphamädchen” diskutierten Feministinnen jeglicher Couleur erst einmal, ob ich jetzt tatsächlich und überhaupt eine echte Feministin sei. Die meisten kamen zu dem Schluss: Auf keinen Fall! Zu mainstreamig, zu wellnessig, zu lebenslustig, gut gelaunt, zu leicht verständlich, zu jung – ganz einfach zu unpassend.

Zeit-Redakteurin Ursula März schreibt über Frauen: “Zu erleben, wie sie sich begegnen, sich gegenseitig belauern und bewerten, ist eine deprimierende Erfahrung. Man steht dabei und möchte rufen: Lasst los! Dies, diese Hysterie unfreier und unfreiwilliger Lebensplanwirtschaft, kann mit Feminismus ja wohl nicht gemeint gewesen sein.” Sie trifft damit mitten in die Problemzone des Feminismus.

Das gegenseitige Belauern der verschiedenen emanzipatorischen Strömungen ist fast schon so etwas wie das Markenzeichen des deutschen Feminismus. – “Entspannt euch!” will auch ich rufen. Und vor allem: “Ihr werdet doch alle gebraucht.” Manche gesellschaftliche Missstände werden sich mit Graswurzelarbeit beseitigen lassen, andere durch radikale Protestaktionen. Warum soll es nicht beides geben?

Ich verstehe Ursula März’ Ruf nach einer Pause im Geschlechterdiskurs gut – aber wenn meine “nur” sieben Monate Elternzeit dumm kommentiert werden, wenn ich sexistische Werbung sehe oder Familienministerin Kristina Schröder; dann hebt sich meine innere Faust: “Ursula, der Kampf geht weiter.” Tut mir leid.

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(Kolumne ursprünglich erschienen in der Taz vom 26. April)

„Germany’s Next Topmodel“ war in den letzten Jahren mein guilty pleasure – aus feministischer Sicht in keiner Weise zu rechtfertigen, aber trotzdem ein großer Spaß. An jedem einzelnen Donnerstagabend hatte für ein paar Stunden der Mensch in mir Ausgang, der Andere einfach „sauhässlich“ oder „strunzdumm“ finden durfte oder „Was für eine blöde Kuh!“ Richtung Fernseher rief. Feministin hin oder her.

Doch in diesem Jahr habe ich erst eine Folge geschaut, vergangene Woche, dann schaltete ich ab und beschloss, mir ein anderes unfeministisches Vergnügen zu suchen. Die Dauerbefeuerung der Kandidatinnen mit neoliberalen Kapitalismusweisheiten hat mir das Einschalten vermiest. Das ständige „Ihr müsst alles geben!“ von den Juroren und die ergebenen, gleichlautenden Antworten der Kandidatinnen: „Ich hab mein bestes gegeben, das war am wichtigsten.“

„Germany’s Next Topmodel“ ist zu einem Bühnenstück der Arbeitswelt geworden, wie sie junge Menschen heute vorfinden und die sie trotzdem lieben sollen. So kriegen die Mädchen bei jedem Casting, das heißt: auf Jobsuche, eingebläut: „Es ist eine Riesenehre, sich hier vorstellen zu dürfen“. Jaja, wir müssen alle wahnsinnig dankbar sein, wenn wir uns für irgendeinen Großkonzern abrackern dürfen. Es ist schon lange nicht mehr so, dass das ganze Ding „Arbeitsverhältnis“ auf Gegenseitigkeit beruhen würde: dass der Arbeitgeber froh ist, ambitionierte und kreative Menschen in seinem Team zu haben, und der Angestellte umgekehrt froh ist, für ein Unternehmen zu arbeiten, dass den Lebensunterhalt finanziert und halbwegs menschlich ist. Nein, heute muss jede und jeder dankbar sein, sich für irgendwen den Buckel krumm machen zu dürfen. Systemkritik war gestern.

Bei GNTM kommt noch hinzu, dass die Ladys wirklich alles machen müssen, wenn sie nicht rausfliegen wollen: Sei es, sechzehnjährig mit Typen in Badehose rumzumachen, ekliges Getier zur Schau tragen zu müssen oder bei Minusgraden in Sandalettchen herumzulaufen, als ob nichts wäre. Du lernst: Mach mit oder du bist ganz schnell raus aus dem Spiel um beruflichen Erfolg. So hatte ich mir als – propagandainfiltriertes – Ostkind immer den Westen vorgestellt: Die in der BRD müssen machen, was ihr Chef will oder werden gefeuert, obdachlos und traurig.

Steckt also vielleicht der Deutsche Arbeitgeberverband hinter Heidis Sendung, oder die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft? Vielleicht haben die sich vor ein paar Jahren gesagt: Margarine, Autos und Billigflüge werden mit knackigen, jungen Frauen beworben. Jungs, das können wir auch und zwar besser! Da machen wir was im Fernsehen. Für junge Frauen, die eh die besseren Schulabschlüsse machen. Die wollen wir haben! Die müssen wir vom Leistungsgedanken überzeugen, jedes Jahr ein kleines bisschen offensiver. Und wisst ihr was, haha, den bringen wir dann bei, dass sie auch noch Danke sagen müssen, Küsschen links und rechts, wenn sie rausfliegen. Wir müssen halt Stellen abbauen, jede Woche. So ist es nun mal, das Leben.

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