(Kolumne ursprünglich erschienen in der Taz vom 27. Februar)
Mein bester Freund, er macht Öffentlichkeitsarbeit in der Politik, hat einen Job angeboten bekommen – die Art von Job, die man vielleicht nur ein einziges Mal im Leben angeboten kriegt.
Er rief mich an und hyperventilierte ins Telefon.
“Das ist genau die Stelle, bei der ich all das machen kann und muss, was ich gut kann und gern machen will. Das ist ein Rie-sen-laden! Und anstatt wie jetzt einmal im Monat nach Stuttgart zu tingeln, fliege ich dann nach Genf und St. Petersburg, vielleicht nimmt mich mein neuer Chef sogar mal mit nach New York. New York! Das wäre der Wahnsinn! Vor allem müsste ich nicht mehr das Kleinklein hier machen, von dem ich nie weiß, ob es was nützt. Dann wäre ich direkt dran an den großen NGOs und würde auch mal sehen, ob ich überhaupt irgendetwas verändern kann.”
“Du musst diesen Job UNBEDINGT annehmen”, sagte ich. Am nächsten Tag traf ich seine Freundin. Sie war über das Angebot weit weniger begeistert.
“Was ist los?”, fragte ich.
“Wir versuchen gerade, ein Kind zu kriegen. Vielleicht bin ich schon schwanger, wer weiß. Und noch bevor ich einen Test machen kann, sagt mein Freund wohl einen Job zu, in dem er täglich zwölf Stunden arbeitet und jede Woche in irgendeine andere Stadt auf dieser Welt fliegt. Wenn kein Kind kommt, ist das okay, ich mache meinen Job, er macht seinen, und wenn wir uns sehen, verbringen wir eine schöne Zeit miteinander.
Nur: Wenn eines kommt, kann nicht mehr jeder seinen Job machen, dann kann er nicht mal Elternzeit nehmen, das haben die ihm beim Vorstellungsgespräch gleich gesagt. Dabei war das ausgemacht: möglichst halbe-halbe und später dann beide ein bisschen runter mit den Arbeitsstunden. Damit wir beide was vom Kind haben und beide arbeiten können. Und jetzt dieser Superjob. Dieser Scheißjob. Da denkst du jahrelang gemeinsam nach, wie das Zusammenleben und vor allem später das Familienleben gleichberechtigt funktionieren soll. Und dann kommt so ein Angebot und du hast eine Woche Zeit, dir zu überlegen, ob du vielleicht all das über den Haufen werfen magst. Wenn er diesen Job annimmt und wir ein Kind kriegen, bin ich am Arsch. Dann hat er seinen Beruf und ich ein Kind.”
“Er darf ihn AUF KEINEN FALL annehmen”, sagte ich.
Sie nickte. Dann sagte sie: “Aber weißt du, ich glaube, ich würde den Job sofort annehmen. Sofort. Deswegen kann ich ihm jetzt seine Chance auch nicht ausreden. Ginge es um mich, würden wir einen Deal machen: Erst habe ich karrieremäßig Vorfahrt und dann, in ein paar Jahren, eben er. Aber andersherum bin ich in ein paar Jahren die Mutti, die keiner mehr die Leiter hochlässt. Oder jedenfalls habe ich davor Angst. Und vor dem nächsten Schwangerschaftstest jetzt auch plötzlich.”
Ich sagte nichts mehr. Die Freundin des besten Freundes auch nicht.
Wir standen noch ein bisschen in der Kälte herum, dann verabschiedeten wir uns und gingen unserer Wege, ich zum Bäcker und sie zurück nach Hause, in ihren kleinen, privaten Debattierclub. Kind oder Karriere? Oder beides für ihn?
Und ich fragte mich, was ich wohl tun würde. Und ob Chefs eigentlich ahnen, was sie ins Rollen bringen, wenn sie Männern diese Zwölf-Stunden-Jobs anbieten. Ob sie dabei manchmal an das Leben da draußen vor ihren Bürofenstern denken.





Den Job annehmen. Firmen tönen am Anfang immer groß (keine Elternzeit, kein Home Office, …) und wenn man erst einmal da ist, gute Arbeit leistet und dann auf seinen gesetzlichen Rechten besteht, sind die meisten recht einsichtig. Und wenn nicht: Sollte der Job wirklich so ein Traum sein, dann kann man ihn auch wieder kündigen und findet mit so einer Referenz kann gut einen neuen.
Den Job nicht annehmen. Solche Jobs sind meistens so Verheizungsjobs. Fur den Chef ist man der Flatrate-Mitarbeiter. Genf, St. Petersburg, New York klingt toll, aber die Flughäfen, Hotels und Konferenzräume sind überall auf der Welt öde und Zeit und Energie für Privates bleibt auf den Geschäftsreisen eh nie. Wenn mein Lebensentwurf Zeit und Energie außerhalb der Erwerbsarbeit fordert, beispielsweise für Familie, dann sollte man nicht seine Zeit und Energie als Flatrate an eine Firma verkaufen.
hurks
too close to home
been there done that
Annehmen. Nach der Probezeit Grenzen testen. Klar sein in den Forderungen. Für den Arbeitgeber ist es teurer, jemanden neuen einzustellen als wenige Monate auf jemanden zu verzichten.
(Das ist die Theorie. Hier wurde einem Partner Teilzeit verweigert, das Lebensmodell hätte auf der Kippe gestanden, er/sie hat sich neue Arbeit gesucht und vier ätzende Jahre mit Arbeitslosigkeit und befristeten Jobs hinter sich)
Schöner Beitrag.
Weil er das Kernproblem bei den “Spitzenjobs” gut illustriert: den nötigen Einsatz. Ich habe so einen Job, wo laufend 50 – 60 Stunden Wochenarbeitszeit anfallen, eine meiner Kolleginnen hat genauso einen, das ist kein Unterschied bei Männern und Frauen. Man kann diese Jobs nicht arbeitsteilig auf mehrere Leute verteilen, das entscheidende ist gerade, viele Informationen an einer Stelle, in einem Kopf zusammenzuführen, mit diesem Wissensstand zu verhandeln oder Dinge auszuarbeiten usw. Eine Person, die 150% arbeitet, schafft hier mehr als zwei bis drei, die 100% arbeiten würden, sofern das überhaupt klappen würde. Wer in solchen Jobs nicht voll mitmacht, fällt in der Konkurrenz hoffnungslos zurück.
“Und ob Chefs eigentlich ahnen, was sie ins Rollen bringen, wenn sie Männern diese Zwölf-Stunden-Jobs anbieten” – klar, machen sie ja selber. Man hat bloß keine realistische Alternative. Statt auf den Chef als den externen Schuldigen zu schielen, würde ich die gleiche Frage lieber an die vielen Selbständigen richten, die ebenfalls 150% arbeiten.