(Kolumne ursprünglich erschienen in der Taz vom 7. November)
Noch drei Wochen, dann ist meine Elternzeit um. Endlich. Und: Leider. Es waren sieben tolle Monate mit dem Kind. Es waren aber auch sieben anstrengende und langweilige Monate, immer nur mit dem Kind.
Das zuzugeben ist nicht ganz einfach. Nicht selten verstummen nette Plaudereien, wenn ich gefragt werde, wie mir die Elternzeit gefalle. Sobald ich die Wahrheit sage, nämlich dass ich nie zuvor meinen Job so vermisst habe, wird so manches Gegenüber recht schmallippig.
Anfangs irritierten mich die Reaktionen auf meine Elternzeit. Die gut gemeinten Ratschläge: Ich solle doch erst mal schauen, wie es mit Kind so läuft. Oder die Vermutung, ich würde mich nach so kurzer Zeit sowieso nicht von dem Kind trennen können. Und immer wieder die erstaunte Nachfrage: “Nur sieben Monate?” Der Mann dagegen bekam zu hören: “Was? Sieben Monate!” Und: “Warum das denn?” Oder: “Wo fahrt ihr hin?” Ich habe noch nicht davon gehört, dass die Aufteilung 12/2 Monate zu ähnlich irritierten Reaktionen geführt hätte.
Die gebe es deshalb, sagte die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken vor ein paar Tagen in einer Podiumsdiskussion, weil wir in Deutschland ganz spezielle Rollenbilder pflegten: Nirgendwo sonst sei das Frausein so stark mit dem Muttersein und das Mannsein so eng mit der Berufstätigkeit verbunden. Eine richtige Mutter kümmert sich um die Bedürfnisse des Kindes, ein richtiger Mann schaut, dass er die Familie ernähren kann.
Dabei höre ich von vielen noch kinderlosen Frauen, dass sie sich die Sache mit der Familie eigentlich ganz gern mit dem Mann teilen wollen. Sobald das Kind da ist, setzt eine Art kulturelle Gehirnwäsche ein. Plötzlich geht es nur noch um die Mutter.
Ja, auch ich habe mich die ersten Wochen nach der Geburt des Kindes ständig gefragt, ob ich eine gute Mutter bin. Die Gesellschaft stellt an eine “gute” Mutter detaillierte und vor allem unerfüllbare Anforderungen: Sie muss natürlich das Kind an die erste Stelle setzen, eine egoistische Mutter geht gar nicht. Sie muss “fühlen”, was das Kind braucht und will. Sie muss ihre Mütterlichkeit entdecken und pflegen.
“Wieso wird von dir nicht erwartet, dass du so was wie Väterlichkeit an den Tag legst?”, frage ich den Mann genervt.
“Was soll denn bitte Väterlichkeit sein?”, fragt der Mann zurück.
“Eben”, sage ich.
Ich habe aber nicht vor, das Muttersein zu neuer Perfektion zu führen, und genauso wenig habe ich vor, dem Vater meines Kindes zu beweisen, dass ich als Frau das sowieso alles besser kann. Mich plagt keinerlei Ehrgeiz, was das Muttersein betrifft; ich erwarte von mir nichts anderes als das, was ich vom Mann erwarte: dass wir unsere Kinder lieben, ihnen zuhören, ein Zuhause geben. Mehr gestatte ich auch der Gesellschaft nicht, von mir zu erwarten.
Ob wir glauben, das Kind brauche für eine schöne Kindheit vor allem seine Mutter oder so viele Menschen wie möglich, sehe ich als absolute Privatsache. Und es wäre mir sehr recht, wenn mir nicht dauernd alle ungefragt erklären, wie sie das so sehen mit dem Muttersein und mir. Wenn sie selbst Glück haben, geht ihnen dann auch niemand auf den Senkel mit absurden Vorstellungen von einer “guten” Mutter.




Liebe Autorin,
Sie haben vollkommen recht. Ich findes es absolut bescheuert, was in Deutschland bez. Muttersein momentan so abgeht.
Meine Tochter ist in Frankreich gross geworden, mit “nounou” (Babysiiter) und Ganztagsschule und sie ist eine glückliche Erwachsene, mit dem Herz auf dem rechten Fleck und kommt im Lebeb sehr gut zurecht.
Ich verstehe diese mittelalterlichen Anwandlungen deutscher Frauen überhaupt nicht.
Ich wünsche Ihnen alles Gute .
Roswitha
Habe das hier sehr gern gelesen. Interessant was so passiert, wenn man Erwartungen an die Mutter- und Vaterrolle aufbricht.
Nur als Privatsache würde ich die Frage, wie viele Bezugspersonen ein Kind braucht, nicht betrachten, weil ich mir vom Staat wünsche, dass er auch andere Betreuungsmodelle als das übliche viel besser ermöglicht und unterstützt. Was ja letztlich auch einen Schritt weg von dem festgefahrenen Mutterbild unserer Gesellschaft bedeutet.
Hmm.
Da gibt es solche und solche Kommunikation. Ich kenne viele Mütter, die ganz ehrlich und von Herzen zugeben, dass die ersten 6 Monate nicht die spannendsten erfüllendsten etc. mit dem Kind sind.Ich kenne Mütter, die Egoismus zu schätzen wissen.
Aber ich merke auch, dass andere auf solche Statements noch stets überrascht reagieren.
Ich habe es als sehr erfrischend erlebt, von vornherein Mütter zu kennen, die betont haben “endlich vorbei & leider & vorbei & wie solls bitte jetzt eitergehen”
[...] Und viele kleine Projekte aka Gleichberechtigte Elternschaft brechen im Kleinen mit der Tradition (wie etwa Susanne Klingner). Der zweite Knackpunkt ist, dass es in Deutschland keine “Trennungskultur” gibt [...]