(Kolumne ursprünglich erschienen in der Taz vom 15. August)
Keine Pipi-Kacka-Geschichten!, lautet die grundlegende Konversationsregel, die ich mir vor der Geburt des Kindes verordnete. Trotzdem muss das Thema Windeln auf den Tisch. Beziehungsweise das Thema: keine Windeln.
Bevor das Kind bei uns einzog, haben wir kurz mal darüber nachgedacht, ob wir es in Baumwollwindeln kleiden sollten. Es erschien uns ökologischer Wahnsinn, zwei Jahre lang jeden Tag fünf bis sieben Windeln in den Müll zu werfen. Aber dann fanden wir heraus, dass auch das ganze Gewasche der Baumwollwindeln nicht so viel umweltfreundlicher ist. Und fanden gleichzeitig die Aussicht wenig attraktiv, täglich mit vollgekackter Baumwolle zu hantieren. Damit waren die Baumwollwindeln aus dem Rennen.
Im Onlinebücherladen begegnete mir die Superökolösung: das Buch “Es geht auch ohne Windeln! Der sanfte Weg zur natürlichen Babypflege”. Ich las dem Mann die Inhaltsangabe des Buches vor und wir lachten uns gemeinsam kaputt. Funktionieren soll das Ganze nämlich so: Man müsse sein Kind nur genau genug beobachten, dann würden einem veränderte Mimik und Quietschlaute auffallen, die es immer dann mache, bevor es ein kleines oder großes Geschäft abschließe. In diesem Falle halte man das Kind geschwind über die Toilettenschüssel – und spare sich also so die Windel.
Ich versuchte mir die vergangenen drei Monate meines Lebens vorzustellen: vor dem Kind hockend, unablässig auf seinen Gesichtsausdruck fixiert und bei jedem neuen Quietschen ins Bad rennend, das Kind am ausgestreckten Arm, Hose runter, übers Klo haltend. Klar, gut definierte Oberarme kriegt man so vermutlich in wenigen Tagen. Aber sonst eher nicht allzu viel auf die Reihe. So ein Kind schließt nämlich viele, sehr sehr viele Geschäfte ab.
Noch während wir lachten, rief Freundin P. an und ich erzählte ihr von den Babys, die schon in einem Alter aufs Klo gehen sollen, in dem sie noch nicht einmal den Hauch einer Ahnung haben, was ein Klo überhaupt ist. Freundin P. blieb unerwartet ernst und sagte, das Ganze sei im Moment in den USA der letzte Schrei.
Nicht so sehr aus Ökogründen. “Das ist Teil dieses ganzen bescheuerten Zurück-zur-Natur-Booms. Die armen Frauen!” Noch so ein Natur-Trend, der es Frauen wieder ein kleines bisschen schwerer macht, trotz Kind ein halbwegs normales Leben zu führen. Der Stillboom der letzten Jahre war erst der Anfang. Und selbstgekochter Babybrei ist im Vergleich zu der Windelsache nur eine Fingerübung. “Natürlichkeit” und Emanzipation passen manchmal einfach nicht zusammen.
Beim Stillen fällt zwar kein Verpackungsmüll an, aber wenn sich Eltern das Füttern teilen wollen, tut es auch die Packerlmilch. Selbstgekochter Brei ist eine gute Idee, aber manchmal ist eine Stunde Freizeit eine noch bessere Idee. Baumwollwindeln sparen Müll, wer aber mehr Pläne hat als Füttern, Schmusen, Wickeln und Waschen, nimmt halt Wergwerfmodelle. Der Nachwuchs wird es einem später nicht danken, dass er “natürlich” aufwachsen durfte und Mutti ihm 24 Stunden des Tages gewidmet hat. Also trägt das Kind jetzt eine Art Kompromiss, der mein Ökogewissen und meinen Freiheitsdrang einigermaßen vereint: Ökowindeln aus Recyclingzellstoff. So viel Öko muss in diesem Fall reichen.




Ich habe lachen müssen…nach 2 Kindern mit letzten Endes auch keinen Stoffwindeln und Schnuller und nicht mehr als ein dreiviertel jahr stillen…
Frauen wird es in fast jeder Lebensphase schwer gemacht sich frei zu entfalten. Besonders, wenn die biologische Komponente, das Kinderkriegen dazu kommt. Da braucht es eine Portion Geduld und Galgenhumor weiß ich jetzt aus Erfahrung..
Ich habs auch gelesen, das Mimikbeobachtungskackibuch. Ich bin sogar noch einen Schritt weiter gegangen: ich habe ein kompostierbares (!!!) Töpfchen gekauft. Das End vom Lied: Das Kind ist 5 Monate und ebenso lange bewahren wir in dem Töpfchen ausschließlich Hörspielkassetten auf. Hoffentlich kompostiert es sich nicht bevor hier wirklich das Töpfchenalter beginnt…
Mich hat es etwas überrascht, dass eine Selbermach-Autorin so eine Kolumne schreibt. Aber gut, ich habe keine Kinder und kann nicht mitreden. Außer dass “keine Pipikacka-Geschichten” ein gutes Themen-Motto für alle Eltern wäre…
Hier bloggt übrigens eine Journalistin u.a. über den windelfreien Alltag: http://windelfrei.blog.de/
@ Irene: Warst du überrascht wegen der Kolumne “Die Farbe Lila” allgemein, wegen des Themas Windeln oder wegen meiner Haltung zum Thema “windelfrei”?
Ich war von der Ablehnung überrascht, weil so ein Windelfrei-Versuch aus meiner Sicht thematisch ganz gut zum Selbermachen passen würde. (Vom Selbermach-Experiment weiß ich aus dem Artikel auf Zeit.de.)
@ Irene: Echt? Für mich hat das Eine mit dem Anderen nichts zu tun – man macht ja nicht wirklich etwas selber, wenn man auf Windeln verzichtet; den Zusammenhang sehe ich nicht wirklich. Vielleicht eher so ein “gefühlter” Zusammenhang, dass DIY was Alternatives hat und der Verzicht auf Windeln irgendwie auch?
Ich finde die herablassende Haltung des Texts gegenüber Windelfreiheit unnötig. Ich kenne Frauen, die ihre Kinder so großziehen, und es klappt hervorragend. Ich kann jeder Frau verstehen, die für Windelfreiheit keine Zeit, keine Lust oder Kraft hat, aber wer all das aufbringen kann, tut seinem Kind und der Umwelt sicher etwas Gutes (zumal Windeln einem Kind den Instinkt abgewöhnen, nicht auf sich selbst zu pinkeln und zu sch**.)
schade.
finde den artikel auch ziemlich höhnisch herablassend auf windelfreie mütter und ihre kindern blickend.
ob DIY was mit windelfrei zu tun hat, kommt wohl auf die gründe an, weshalb frau es denn überhaupt betreibt.
DIY als protest gegen den allgegenwärtigen konsumzwang? – windelfrei hat einige überschneidungspunkte, aber nicht viele.
DIY als mittel der “welt-erhaltung”, ressourcenschonend zu leben? – windelfrei ist dafür sicher eine gute möglichkeit.
schade, dass hier den üblichen spielplatz-lästereien folgend, über so nen quatsch wie kindliche kommunikation, abhalte-rhythmen oder überhaupt diese ganzen dummen zurück-zur-natur-trends gelächelt wird.
es hätte vielleicht auch geholfen, dass buch tatsächlich erst mal zu lesen, bevor die ganze methode als absurd und nicht freiheitlich-lebens-kompatibel hingestellt wird
und nee, mein sohn ist nicht windelfrei.
aber ob er mal kacken muss seh ich trotzdem und mal ganz ehrlich – sie doch auch…?
@ kraehenmutter: Klar seh ich das, jedes Mal ein Spektakel. Bringt mich aber zum Lachen, nicht zum Laufen.
Schade, dass sich einige Mütter/Eltern angegriffen fühlen und den Text als herablassend empfinden. War nicht beabsichtigt. Ich kritisiere aber weiterhin den Trend zur “Natürlichkeit” als das Bessere, der leider in den meisten Fällen ein Vollzeitbeschäftigungsprogramm für Mütter ist.
Jede und jeder, der das möchte, soll sein Kind bekochen, nackt herumtragen, massieren, in der Wiese wälzen, stillen, pucken usw. usf. Ich mache das meiste davon auch, und zwar wahnsinnig gern – weil es billiger ist, das Kind wohlig schnurrt, ich Spaß daran habe. Was aber einfach NICHT geht: denjenigen, die das nicht machen / können / wollen, einzureden, sie seien schlechte Mütter/Eltern.
Der Dogmatismus ist das Problem.
also, mich ueberrascht es, dass du als erklaerte feministin hier normative aussagen taetigst, wie man sich am besten mit kind organisiert. ich habe gerade das stillen und das brei-kochen als grosse erleichterung in meinem (feministischen) alltag erlebt. und zack!, kommst du und laesst dich spoettisch darueber aus, wie bescheuert all das ist, womit ich mir damals das leben bewusst erleichtert habe. interessieren dich meine/andere als deine argumente ueberhaupt?
sehr veraergert: palü
ok, ich habe die kommentare erst jetzt gelesen. du schreibst: “Der Dogmatismus ist das Problem.” das trifft ganz genau so auch auf deinen text zu, denn du differenzierst darin nicht, sondern teilst verschiedene kinderpflegemassnahmen nach deinem richtmaß in schwarz und weiss ein. bitte, das ist normierend. und genau das will ich als mutter nicht ueber mich ergehen lassen.